Der alte Zauberer und seine Kinder

Der alte Zauberer und seine Kinder ist ein Märchen von Ludwig Bechstein.

Es lebte einmal ein böser Zauberer, der hatte zwei zarte Kinder geraubt, einen Knaben und ein Mägdelein mit denen er in einer Höhle ganz einsam hauste. Seine schlimme Kunst übte er aus einem Zauberbuche, das er als seinen besten Schatz verwahrte.
Wenn nun der alte Zauberer sich aus seiner Höhle entfernte und die Kinder allein zurückblieben, so las der Knabe heimlich in dem Buche und lernte daraus gar machen Spruch und konnte selbst ganz trefflich zaubern. Die Kinder sehnten sich von dannen und berieten miteinander, wie sie heimlich entfliehen könnten. Eines Tages, als der Zauberer die Höhle sehr zeitig verlassen hatte, sprach der Knabe zur Schwester: „Jetzt ist er fort, so wollen wir uns jetzt aufmachen und gehen, so weit uns unsere Füße tragen!“
Gegen Mittag war der Zauberer nach Hause zurückgekehrt und hatte sogleich die Kinder vermißt. Alsbald schlug er das Zauberbuch auf und las darin, wohin die Kinder gegangen waren. Er folgte ihnen und hatte sie wirklich fast eingeholt; die Kinder vernahmen schon seine zornig brüllende Stimme. Die Schwester war voller Angst und Entsetzen und rief: „Bruder, Bruder! Nun sind wir verloren; der böse Mann ist schon ganz nahe!“ Da wandte der Knabe eine Zauberspruch an; er sprach einen Spruch, und alsbald wurde seine Schwester zu einem Fisch, und er selbst wurde ein großer Teich, in welchem das Fischlein munter herumschwamm.
Als der Alte an den Teich kam, merkte er wohl, dass er betrogen worden war, brummte ärgerlich: „Wartet nur, wartet nur, euch fange ich doch!“ und lief spornstreichs nach seiner Höhle zurück, um Netze zu holen und den Fisch darin zu fangen. Sowie er aber von hinnen war, wurden aus dem Teich und dem Fisch wieder Bruder und Schwester, sie bargen sich gut und schliefen aus, und am andern Morgen wanderten sie weiter.
Als der böse Zauberer mit seinen Netzen an die Stelle kam, war kein Teich mehr zu sehen. Da wurde er noch zorniger als zuvor, warf eine Netze hin und verfolgte weiter die Spur der Kinder, die ihm nicht entging, denn er trug eine Zaubergerte in der Hand.
Und als es Abend war, hatte er die wandernden Kinder beinahe wieder eingeholt; sie hörten ihn schon schnauben und brüllen. Da sprach der Knabe wiederum einen Zauberspruch, den er aus dem Buche gelernt, und da ward aus ihm eine Kapelle am Weg und aus dem Mägdlein ein schönes Altarbild in der Kapelle. Der Zauberer merkte wohl, dass er abermals geäfft war und lief fürchterlich brüllend um die Kapelle herum.
„Darf ich dich auch nicht betreten, so will ich doch mit Feuer anstoßen und auch zu Asche brennen!“ schrie der Zauberer und rannte fort, sich aus seiner Höhle Feuer zu holen.
Während er nun fast die ganze Nacht hindurch rannte, wurde aus der Kapelle und dem schönen Altarbild wieder Bruder und Schwester, und am dritten Morgen wanderten sie weiter. Als der Zauberer mit seinem Feuer dahin kam, wo die Kapelle gestanden hatte, stieß er mit der Nase an einen großen Steinfelsen, der sich nicht zu Asche verbrennen ließ und rannte mit wütenden Sprüngen auf der Spur der Kinder weiter fort.
Gegen Abend war er ihnen wieder ganz nahe und der Knabe sprach wieder einen Zauberspruch. Da ward er eine harte Tenne, darauf die Leute dreschen, und sein Schwesterlein ward in ein Körnlein verwandelt, das wie verloren auf der Tenne lag. Als der böse Zauberer herankam, sah er wohl, dass er zum dritten mal geäfft war, besann sich aber diesmal nicht lange, sondern sprach auch einen Spruch. Da ward er in einen schwarzen Hahn verwandelt, der schnell auf das Gerstenkorn zulief, um es aufzupicken; aber der Knabe sprach noch einmal einen Zauberspruch, da wurde er schnell ein Fuchs, packte den schwarzen Hahn, ehe der noch das Gerstenkorn aufgepickt hatte, und biß ihm den Kopf ab; da hatte der Zauberer, wie dieses Märchen, gleich ein Ende.

(Quelle: Meine schönsten Märchen, W. Fischer Verlag, Göttingen, ohne Jahr)


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