Der Hahn und die Wachtelhündchen

In einem vornehmen Hause litt eine Wachtelhündin, Mutter von vier jungen unerzogenen Hündchen, seit einigen Tagen an Ohrenschmerzen und musste das Zimmer hüten. Sie konnte nun nicht, wie sonst, mit ihren Kleinen in den Hof hinuntergehen. Diese mussten daher jeden Abend, wenn sie von unten herauf kamen, der Mutter alles erzählen, was sie auf dem Hofe Neues erlebt.

Eines Abends hatten die vier Hündchen wieder viel zu berichten:

„Lady“, das älteste, hatte mit Nachbars kleinem Spitz sich herumgejagt, „Fidel“ war von einem vorübergehenden Schusterjungen arg geneckt worden, hatte aber nachher die schönsten Käserinden zum Geschenk erhalten, „Belline“ hatte sich über die Räder an einem Kinderwagen entsetzlich geärgert, weil sie beim Fahren sich so rasch herumdrehten und dabei so hässlich knarrten, der kleine „Nimrod“ endlich, das allerkleinste von den vier Hündchen, hatte sich so sehr vor dem Haushahn gefürchtet, dass es sich hinter der Regentonne verkrochen und gar nicht hatte spielen können.

„Du einfältiges Kind,“ schalt die alte Hündin, „was hat dir der Hahn denn getan?“

„Ach, Mama,“ rief Nimrod, „ich wollt´ erst mit ihm spielen, aber da kam ich schön an, das ist ja ein böser, stolzer Herr. Er sah mich gar nicht einmal an. Ich denk´ mir, er muss kurz vorher mit den andern, ebenso vornehmen Herren spazieren geritten sein, denn er hatte noch die Sporen an den Beinen sitzen. Er war aber auch ganz prächtig angezogen, viel viel schöner als die Menschen es sind.“

Die Alte schüttelte lächelnd den Kopf, aber Nimrod fuhr immer eifriger fort zu erzählen:

„Hör nur, was er anhatte! Sein Leibrock war von grüner Seide und über und über mit Gold besetzt; eine rote Mütze saß ihm schräg auf dem Kopf und denk nur einmal, den Federbusch der Offiziere, die zu unsrer Madam immer herkommen, sonst auf dem Hute zu tragen pflegen, hatte er sich hinten an den Leib gesteckt. Das sah einmal närrisch aus!“

„ Da hast du kleiner Naseweis ihn am Ende ausgelacht?“ sprach die Mutter.

„Nein, Mama, gelacht hab´ ich ganz gewiss nicht,“ rief Nimrod, „aber geärgert hab´ich mich über ihn und da fing ich denn nur ein ganz klein bisschen zu knurren an – na! da hättest du einmal sehen sollen, wie bös er wurde! Den Hals hat er lang in die Höhe gereckt, den Kopf drehte er nach allen Seiten um und geschimpft hat er, wie ich es noch von keinem Tier gehört habe; selbst unsrer Madam ihr alter Papagei kann so arg gar nicht schimpfen! – War´s denn so unrecht, dass ich hinter die Regentonne kroch?“

„Wenn er dich ärgerte, warum belltest du ihn denn nicht recht ordenlich an?“

„Das tat ich auch einmal, liebe Mama, aber da ward er noch viel viel böser. Mit einem fürchterlichen Satz sprang er auf den Zaun, schlug sich mit beiden Flügeln ganz wütend gegen den Bauch und schrie alle Hähne auf dem ganzen Gute zusammen und die haben ihm auch lle gleich geantwortet, weit, weit her!“

„Und sind auch auch herbeigekommen?“

„Ja, das dann ich dir wirklich nicht sagen, ich hielt´s vor Angst nicht länger hinter meiner Tonne aus, kniff den Schwanz zwischen die Beine und lief, so rasch ich konnte, ins Haus hinein. – „Nimm´s nicht übel, Mama, ich glaub´! ich hab´ fürchterlich geschrien!“ –

Die alte Hündin lachte den kleinen furchtsamen Schwätzer aus und sprach: „In acht Tagen wird mein Ohr wohl besser und du wohl etwas vernünftiger sein, dann ich will ich dir den stolzen Herrn einmal näher zeigen.“

Wie gesagt, so getan. Nach acht Tagen ging die Alte mit ihren vier Kindern wieder auf den Hof herunter, wo der Hahn eben seinen Hennen die höflichsten Kratzfüße machte, dann aber stolz auf einem Beine stehend mit der vornehmsten Miene von der Welt rings umherschaute.

„Nun kommt her, ihr Kindchen,“ sprach die Mutter, „wenn ich hier bin, braucht ihr euch nicht zu fürchten. Wer von euch den meisten Mut hat, der gehe dreist auf den Hahn los und belle ihn an. Wer das tut, der soll dann auch zum Lohne das schönste durchsichtige Lammsknorpelchen bekommen, das ich mir gestern unter der Strohmatte verwahrt habe.“

„Denk einmal das Lammsknorpelchen!“ riefen die drei ältesten Hündchen und bekamen bei dem Gedanken einen wahren Heldenmut und vor Appetit ganz nasse Schnäuzchen.

Sie wedelten auch schon ganz keck und lustig um die Mutter herum und fingen an, leise zu knurren, um sich noch immer mehr Mut zu machen, der kleine Nimrod aber hielt seinen Schwanz doch noch zwischen den Beinen eingekniffen.

Belline war endlich die erste, die ihren Mut sehen ließ. Sie legte behutsam beide Vorderpfötchen flach vor sich auf den Erde, den Kopf darauf und kroch so, den Hahn immer scharf ansehend, ganz leise, leise gegen ihn an.

Dieser wollte eben wieder recht lästerlich losschimpfen, – hopp! da sprang das flinke Hündchen mit ein paar raschen Sätzen mutig auf ihn zu und bellte mit seiner feinen, gellenden Stimme so laut es nur konnte. Ei, wie fuhr der vornehme Herr Hahn da zusammen! Sein langer Hals wurde ganz kurz und immer kürzer, seine hohen Schwungfedern schleiften an der Erde hin und mit ellenlangen Schritten lief er, so rasch es nur immer ging, Hals über Kopf, rechts und links und immer im Kreise herum und das Hündchen immer hinter ihm hehr, bis der alte Hasenfuß endlich durch ein Loch in den Hühnerstall entschlüpfte.

Ein schallendes Gelächter erhob sich auf dem ganzen Hofe. Vor Lachen winselten die Hunde, wackelten die Enten, kollerten die Truthühner und die Knaben, die oben aus den Fenstern zusahen, klatschten in die Hände.

Wie er kleine Nimrod das sah, verlor er alle Furcht, lief mit den Geschwistern ebenfalls nach dem Hühnerstall und alle bellten noch eine lange Zeit gegen das Loch, durch das der Hahn entschlüpft war.

Seitdem ist Nimrod so keck geworden, dass er jetzt vor nichts mehr Angst hat und selbst Menschen und Reiter dreist anbellt. Der Hahn aber blieb derselbe aufgeblasene Narr wie zuvor und ist auch noch ebenso furchtsam, wo es drauf ankommt zu Zeigen, dass er ein Hahn sei.


Quelle: Robert Reinicks Märchen-, Lieder- und Geschichtenbuch, Verlag von Velhagen & Klasing, Bielefeld und Leipzig, 1896


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