Werner-Haerter-Archiv

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Erntelied

Erntelied
(Autor: unbekannt)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Hat Gwalt vom großen Gott,
Heut wetzt er das Messer,
Es geht schon viel besser,
Bald wird er drein schneiden
Wir müssens nur leiden
Hüt dich, schöns Blümelein!

Was heut noch grün und frisch dasteht,
Wird morgen weggemäht:
Die edel Narzissel,
Die englische Schlüssel,
Die schön Hyazinthen,
Die türkischen Binden:
Hüt dich, schöns Blümelein!

Viel hunderttausend ungezählt,
Was nur unter die Sichel fällt:
Rot Rosen, weiß Lilgen,
Bald wird er austilgen;
Und ihr Kaiserkronen,
Man wird euch nicht verschonen.
Hüt dich, schöns Blümelein!

Trutz Tod! Komm her, ich fürcht dich nit!
Trutz! komm und tu ein Schnitt.
Wann Sichel mich letzet,
So werd ich versetzet
In den himmlischen Garten:
Darauf will ich warten.
Freu dich, schöns Blümelein!

Quelle: Deutsche Dichtung der Neuzeit, Verlag G. Braun, Karlsruhe, ohne Jahr.