Das Zauberhorn

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Das Zauberhorn

Ritter Kuno, dessen Geschlecht ein altes gar mächtiges war, wohnte auf seinem festen Schlosse und lebte hier mit Kumpanen und Gesellen in Saus und Braus. Wenn seine Einkünfte nicht auslangten, so wusste er dieselben durch Plünderung der Warenzüge fahrender Kaufleute und durch Überfälle der schwächeren Städte zu ergänzen. Er schonte selbst seine Nachbarn nicht und hatte deshalb ringsum Feinde in Hülle und Fülle. Nicht immer hatte Kuno dieses Leben geführt. Seit dem Tode seiner Frau, die durch Frömmigkeit, Barmherzigkeit und Wohltun in weiter Runde geachtet und verehrt war, die auch den sonst rohen Mann auf rechtlichem Wege zu erhalten wusste, hatte allmälig sein Hang zum wüsten Leben sich herausgekehrt und war er so schließlich einer der gefürchtetsten Raubritter der ganzen Gegend geworden.

Seine Frau hatte ihm einen Sohn geboren, der den Namen Georg erhalten. Dieser war trotz des wirren und wüsten Treibens in der Burg zu einem braven und frommen Jüngling herangewachsen, der sich von den Gelagen des Vaters und seiner Kumpane fern hielt, die Leiden der gefangenen und verwundeten Bürger und Kaufleute zu mildern suchte und sich oft durch Wohltun den Dank der Geplünderten erwarb. Georg hatte diese günstige Gestaltung seines Innern der Pflege und Erziehung seiner Wärterin, die an den Burggärtner verheiratet war, zu verdanken, da seine Mutter nur zu bald nach seiner Geburt gestorben war. Die brave Gärtnersfrau hatte Georg mit ihrem eigenen, nur ein Jahr jüngeren Sohn Anton erzogen und dem Einflusse des Treibens seines Vaters zu entziehen gewusst, der sich gar wenig um sein Kind kümmerte, ja schließlich sich entfernt hielt, da er den oft vorwurfsvollen Blicken des seiner verstorbenen Frau so ähnlichen Sohnes nicht begegnen mochte. Georg war zu einem sechzehnjährigen, äußerlich und innerlich prächtig entwickelten Jüngling herangewachsen. Er hatte mit seinem Freunde und Spielkameraden Anton Freud und Leid gemeinschaftlich, wie auch den Unterricht und die Belehrung geteilt welche den Knaben von manchem Gefangenen und unter diesen hauptsächlich von einem gelehrten Priester geworden war.

Wie so viele Sünde und Missetat hier schon auf Erden ihre Strafe findet, so hatten die Raubzüge, Plünderungen und Grausamkeiten des Ritters Kuno den Entschluss der Städter und rechtlich gesinnten Ritter gereift, die Burg zu stürmen und dem Ritter mit seinem Gesindel unschädlich zu machen. Nach einer langen Belagerung trat Hungersnot auf der Burg ein und bei dem Versuche, sich durchzuschlagen, fiel Kuno mit dem größten Teil seines wüsten Anhanges, die Burg wurde eingenommen, niedergerissen und dem Erdboden gleich gemacht. Kurz vor diesem Ausfalle hatte Kuno, der das Ende seiner Tage herannahen fühlen mochte, seinen Sohn Georg rufen lassen und übergab demselben ein wunderlich geformtes Horn mit den Worten: „Dieses Horn, das ich von meinem Vater ererbt, der dasselbe als Geschenk von einer befreundeten Fee erhalten, besitzt wunderbare Kräfte, jedoch nur für den, der einen reinen und gottesfürchtigen Lebenswandel führt und geführt hat. Ich setze dieses bei dir voraus, für mich ist dasselbe schon lange wertlos geworden; nun übergebe ich dir dieses Erbstück, es dürfte dir nützlich sein und durch die Welt helfen. Ich fürchte in diesem Kampfe zu unterliegen, wir sehen uns lebend gewiss das letzte Mal, lebe wohl!“ Mit einem Händedruck schied der finstere Mann.

Die Pflegemutter war vor wenigen Tagen ihrem körperlichen und geistigen Leiden erlegen, denn ihr war das Leben in der Burg ein Gräuel und nur ihren Pfleglingen hatte sie die sinkenden Kräfte so lange zu erhalten gewusst. Georg mit seinem Freunde Anton entkam in dem Sturme und bei der Verwüstung der Burg wohl nur durch die Wunderkraft des Hornes, das jetzt ein einziger Besitzt war.

Von den Zinnen der Burg hatten die Knaben oft Umschau gehalten und mit sehnsüchtigen Blicken nach den großen Waldungen bedeckten Bergen im Osten ausgeschaut, hatten von Wanderern, häufig auch von Gefangenen, Wundermären, die sich dort zugetragen haben sollten, gehört, so dass bei dem abenteuernden Sinn der Jugend ein Zug ihrer Schritte dorthin lenkte, umso mehr, da sie die belebteren Gegenden wegen der vielen Feinde der Burgeingesessenen meiden mussten. Sie wanderten rüstig fort und erreichten um Mittagszeit den Waldrand. Hunger und Durst hatten sich eingestellt, sie hofften durchzuschlagen

Abbildung Georg und Anton aus Neue Märchen seinen lieben Enkeln erzählt von Großvater - im werner-haerter-archiv.de

Waldbeeren beides zu stillen, doch war eine Umschau und ein Suchen nach denselben vergebens. Müde und hungrig ließen sich die Knaben in dem Waldesschatten nieder. Georg betrachtete trübselig sein Erbe, „das Horn“, nahm es zur Hand und äußerte: „Worin besteht denn deine Kraft? Ich wünschte, du schafftest mir ein Stück Brot und einen guten Trunk herbei, damit ich nicht verschmachte.“ Kaum hatte er diese Worte geäußert, als, wie aus der Erde gewachsen, eine Platte mit Brot, Fleisch, Früchten und einer Kanne Wein vor den erstaunten Knaben stand,, die denn sie auch sofort darüber hermachten, eine tapfere Mahlzeit hielten und bald gestärkt ihre Wanderung in den Wald fortsetzen konnten. Für ihre Nahrung war nun gesorgt und ihre größte Sorge daher gehoben, aber auch in anderer Beziehung bewährte sich die Wunderkraft des Hornes. Dem vorgehaltenen Horn öffneten sich verwachsenes Gebüsch und Dichtung; vor seinen Tönen entwich das wilde Getier, das recht zahlreich vorhanden war und oft Miene machte, auf sie zustürzen; für ihr Nachtlager sorgte wieder das Horn, eine Hütte, wohl versehen im Innern mit Decken, stand auf Wunsch bereit. So wanderten sie wohlgemut fort und erreichten nach einigen Tagen einen majestätischen Urwald. Sie schritten unter Riesenbäumen einher und erreichten eines Abends einen großen See, an dessen Ufern sie die Nacht zubrachten.

Am andern Morgen, nachdem sie mit Hilfe des Hornes ihr Frühmal gehalten, wurde ihr Wunsch, die Umgebung des Sees und denselben selbst zu erforschen, durch einen am Ufer liegenden Kahn zur Ausführung gebracht. Sie ruderten in den See hinein und bewunderten die teils flachen, teils hohen Ufer, die alle gartenartig und mit Terrassen versehen waren, und durch sehr alte Fruchtbäume Zeugnis einer früheren Kultur ablegten. Auch der Boden des Sees erweckte ihre Verwunderung, denn wenn derselbe auch mit Blicken nicht ganz er ergründen war, so traten doch häufig Umrisse von Gebäuden ihren Blicken entgegen, über welchen sich in Mengen große Fische tummelten. Hinter einem Vorsprunge des Ufers erblickten sie nicht weit vom Seerande ein höhlenartiges Gebäude mit einem Säulengange vor demselben, welches, mit Moos, Efeu, Farnen und Gebüsch über und über bewachsen, eher einem grünen Berge als einem Gebäude ähnlich sah. Hier landeten sie, traten in den Säulengang, fanden bald einen Eingang zu dem Gebäude und neben dem Eingange Menschengestalten in Stein, gleich alter verwitterten Bildsäulen, mit Waffen in den Händen, als wären sie hierher gestellt, das Innere zu behüten. Sie gingen vorbei und traten in eine ausgedehnte Halle, die zwar sehr dunkel war durch all´ die Pflanzen, welche die Lichtzugänge beschatteten und überwucherten, doch den sich gewöhnenden Auge nach und nach rund umher Menschengestalten zeigte, die an einem langen Tische auf Sesseln saßen. Auf einem erhöhten Sitze am oberen Ende der Hütte ruhte ein alter, würdevoller, ehrfurchtgebietender Mann mit einer Krone auf dem Haupte. Alle aber waren von Stein, alle wie mitten in der Unterhaltung erstarrt, alle mit offenen Augen, einige selbst mit offenem Munde. Die größte Verwunderung erregte bei den Jünglingen, dass alle diese Männer lange Bärte hatten und zwar von wirklichem Haar, in blonder, brauner und schwarzer Farbe, bei vielen grau, ja, selbst silberweiß, so bei dem Manne mit der Krone, der einen langen, weißen, zum Boden reichenden Bart hatte. Im Anfange scheu vor all´ den mit offenen Augen dasitzenden Männern, wagte Georg, der mutigere von beiden, allmälig dieselben zu berühren, ja selbst am Bart zu zupfen, doch heftig erschrocken zog die Hand eilig zurück, denn es schien ihm, als vernehme er öfter ein leises Atmen oder Seufzen, ja selbst ein Zittern der Gestalten. Bei dem Manne mit der Krone war das Seufzen unzweifelhaft, sogar ein Zucken der Hand zu merken, welche in der Nähe des um Georgens Hals hängenden Hornes herabhing.

Sofort nahm Georg das Horn, berührte die Gestalt damit und diese fing an sich zu recken und zu strecken, als wenn sie nach langem, tiefem Schlafe erwache. Bald bewegte sich das Auge, aus dem Munde ertönte ein tiefer Seufzer und nun Worte, so die Frage: „Ich habe wohl recht, recht lange geschlafen? Wer seid ihr, wo kommt ihr her? Georg beantwortete kurz diese Fragen und erfuhr dann von dem Alten, dass er ein König sei, der hier mit seinen Beamten und Vornehmsten des Staates eine Beratung abgehalten, wobei sie alle mitten in der Beratung von dem ihm feindseligen Zauberer Abra überfallen, eingeschläfert und in Stein verwandelt seien. Abra hätte über ihn und die Seinigen Macht erhalten, indem er ihm einen Talisman, in einem Ringe bestehend, geraubt, der so lange sein Schutz gewesen. Zuerst hätte Abra seine Tochter, die Prinzessin, entführt, dann die Hauptstadt und einen großen Teil des Reiches unter Wasser gesetzt, die Bewohner in Fische verwandelt und schließlich ihn mit seinen Beratern, die sich nach dem Raube der Prinzessin in diese Burg zurückgezogen, verzaubert. Wie lange diese Verzauberung gedauert, wisse er nicht, doch müsse sie wohl recht lange gewährt haben, das zeige sein so langer Bart.

Georg erwecke nun mit seinem Horn des Königs Begleitung, doch über das Wasser und das in Fischgestalt in demselben lebende Volk war die Zauberkraft seines Hornes nicht stark genug. Er beschloss daher, da ihm der Aufenthalt des Zauberers als in der Nähe auf einem hohen Berge belegen bezeichnet wurde, denselben aufzusuchen und, wenn irgend möglich, ihm den Talisman abzunehmen und die Prinzessin zu befreien. Kurz entschlossen begaben sich Georg und Anton zu ihrem Kahn, folgten der Richtung nach dem ihnen bezeichneten Berge, der jenseits des Sees weit über seine ihn umgebenden Nachbarn hervorragte. Da ihnen durch die Umgebung des Königs mitgeteilt war, dass der Zauberer, ein gewaltiger Riese, stets in der Mittagsstunde in einen festen Schlaf verfiele, beschlossen sie, diese Zeit zur Ausführung ihres Unternehmens zu wählen und gingen, am jenseitigen Ufer des Sees angekommen, sogleich dem Berge zu.

Am Fuße des Bergkegels angelangt, sahen sie vor sich ein viel stärker verwachsenes Dickicht, als es ihnen je auf ihren bisherigen Wanderungen vorgekommen. Doch auch hier übte das Wunderhorn seine Kraft, das Gebüsch, die Dornen wichen dem vorgehaltenen Horn zur Seite, Schlangen, Drachen, Löwen, Tiger und anderes wildes Raubgetier, mit dem das Dickicht bevölkert war, stürzte auf die Jünglinge los, blieb jedoch durch die Töne des Hornes erstarrt stehen, so dass sie ihren Weg unbehindert fortsetzen konnten. Je höher sie stiegen, je mehr traten ihnen die genannten Hindernisse entgegen, doch die Zauberkraft des Hornes überwand alle, die der Zauberer zu seinem Schutz um den Berg angehäuft hatte. Bald vernahmen sie ein Schnarchen, das den Berg unter ihren Füßen zittern machte. Die Mittagstunde war herangekommen, sie beeilten ihre Schritte und standen vor einem aus gewaltigen Felsblöcken erbauten Turm. Das Herz pochte ihnen hörbar, Eile war nötig, dieser Schlaf musste ausgenutzt werden. Aber wo war der Eingang in diesen Felsenwürfel? Eine Tür oder ein sonstiger Eingang war nicht zu sehen; auch hier half das vorgehaltene Horn. Ein Felsstück im Turm machte eine Drehung und vor

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ihnen lag eine entsetzliche, riesige, mit borstigen roten Haaren über und über bedeckte Gestalt, deren gewaltiges Schnarchen selbst die gewaltigen Felsmassen des Turmes erbeben machte. An dem Finger des Ungeheuers steckte der Ring, der große Talisman des Zauberers, ein Hieb des Schwertes durch Georg trennte den Finger von der Hand, ein Griff und der Ring war in dem Besitze Georgs. Anton hatte sein Schwert auf den Hals des Riesen gesetzt, doch noch mehr wirkte das Horn, das nach Entfernung des Ringes, der größten Macht des Zauberers, das Ungeheuer machtlos und erstarren machte; zwar rollten die Augen wild, doch die übrigen Glieder lagen gelähmt und Horn und Ring bewirkten schnell die Umwandlung des Riesen in einen Fels.

Nach Bewältigung und Verwandlung des Zauberers machten sich die Jünglinge an das Durchsuchen des Turmes. Sie fanden in einem oberen Raume desselben in einer Nische hinter einem Vorhange eine Marmorfigur, ein junges Mädchen darstellend, von so vollendeter Schönheit, dass beide entzückt im Anschauen versunken dastand. Erst nach Minuten erinnerte sich Georg der geraubten Königstochter und stellte Versuche mit Horn und Ring zur Belebung der herrlichen Statue an. Das Bild erbebte, die Augen, wunderbar schön, öffneten sich und blickten verwundert auf die vor ihr stehenden Jünglinge, ein freudiger Schauer durchzuckte die Gestalt, langsam sank sie in die Kniee, hob flehend die Hände empor mit der Bitte, die rührend aus ihrem Munde erklang, sie von dem entsetzlichen Zauberer zu befreien. Georg hob die herrliche Jungfrau empor und teilte derselben in wenigen Worten den Sieg über den Zauberer mit, ebenso, dass es ihm vergönnt gewesen sei, den Zauber, unter welchem der König mit seinem Gefolge gebannt gewesen, zu brechen. Mit dankbarem Blicke, in welchem unverkennbar das Keimen süßer Liebe lag, lehnte sich die Prinzessin, denn sie war es, die Tochter des gebannt gewesenen Königs, an Georgs Brust und bat ihn, sie ihrem Vater zuzuführen.

Die Freude des Wiedersehens zwischen Vater und Kind, die Dankbarkeit und Liebe zu ihrem Befreier, führte bald, nachdem durch Horn und Ring die Entzauberung des ganzen großen Reiches vollendet war, zu einer Hochzeitsfeier zwischen Georg und der Schönen Prinzessin. Anton, der treue Jugendgenosse und Gefährte, blieb als Freund und Berater bei Georg, nahm sich später eine Gespielin der Prinzessin als Gattin und wurde bei seinem Freunde, der Herr des Landes wurde, der erste Minister und Mitbegründer eines blühenden und glücklichen Landes. Der alte König suchte und fand die erwünschte ruhe in der Nähe seiner Kinder. Das Land aber erfreut sich bis auf heutige Zeiten in den Nachkommen unserer Helden einer geordneten Regierung und zufriedener Bewohner.

Noch heute sieht man in der Nähe der Hauptstadt auf einem von schönem Walde umkränzten Berge einen mächtigen Felsblock, einer menschlichen Riesenfigur ähnlich, der im Volksmunde „der versteinerte Zauberer“ heißt.

(Quelle: Neue Märchen seinen Lieben Enkeln erzählt vom Großvater, Verlag A. Weichert, Berlin, 1898)
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