Der Ritterkeller des Kyffhäusers

Der Ritterkeller des Kyffhäusers – Sage nach Johann Gustav Gottlieb Büsching.

Ein armer, aber guter und immer lustiger Mann in Tilleda richtete einmal Kindtaufe aus; es war schon die achte. Den Gevattern mußte er nach Sitte und Brauch einen Schmaus geben. Der Landwein, den er seinen Gästen vorsetzte, war bald ausgetrunken und man begehrte mehr. „Geh” — sagte der lustige Kindtaufsvater zu seiner ältesten Tochter, einem hübschen Mädchen von sechzehn Jahren namens Ilsabe — „und hole uns noch bessern Wein aus dem Keller.” „Aus welchem Keller?” fragte das Mädchen. „Nun,” — sagte der Vater im Scherze — „aus dem großen Weinkeller der alten Ritter auf dem Kyffhäuser.” Das Mädchen geht in feiner Einfalt mit einem kleinen Eimer in der Hand den Berg hinan. In der Mitte des Berges findet sie den verfallenen Eingang eines großen Kellers und dabei sitzt eine bejahrte Schaffnerin in ganz ungewöhnlicher Tracht mit einem großen Schlüsselbunde an der Seite. Das Mädchen verstummt vor Erstaunen. Freundlich fragt die Alte: „Gewiß willst du Wein aus dem Ritterkeller holen?” „Ja” — antwortet schüchtern das Mädchen — „aber Geld habe ich nicht.” „Komm nur mit”; — spricht die Schaffnerin — „du sollst umsonst Wein haben und bessern als dein Vater je gekostet hat!” Beide gingen nun durch einen halb verschütteten Gang und standen bald vor der Kellerthür. Die Schaffnerin schloß auf; es war ein geräumiger Keller und auf beiden Seiten lagen Stückfässer. Die Schaffnerin nahm den kleinen Eimer, zapfte ihn voll Weines und sagte zu dem Mädchen: „Da, das bringe deinem Vater, und so oft ein Fest in eurem Hause ist, kannst ou wieder kommen; sage aber keinem Menschen außer deinem Vater, woher du den Wein hast; auch dürft ihr den Wein nicht verkaufen; umsonst bekommt ihr ihn, umsonst sollt ihr ihn geben. Einst, als ich noch so jung war, wie du, haben mich die Ritter des Nachts aus dem Hause meiner Eltern fortgeholt; es ist dasselbe, das deine Eltern jetzt bewohnen. Als ich alt wurde, machten sie mich zur Aufseherin des Weinkellers, und das bin ich noch.” Unter Gesprächen kamen sie wieder in’s Freie, und das Mädchen brachte nun den Wein nach Hause. Er schmeckte den Gästen vortrefflich, aber niemand wußte, woher er kam. So oft nachmals ein Fest im Hause war, ging das Mädchen mit dem kleinen Eimer auf den Kyffhäuser und holte Wein. Die Nachbarn und Freunde wunderten sich nicht wenig, woher der arme Mann immer den herrlichen Trank bekam, der so gut weit und breit nicht zu haben war, fragten und forschten deshalb, aber der Mann sagte es keinem, und das Mädchen auch nicht. Von diesem wunderherrlichen Weine hörte auch ein Schenkwirt im Orte; der dachte bei sich: Solchen Wein könntest du zehnfach verdünnen und doch noch teuer verkaufen. Er schlich also dem Mädchen nach, als es mit dem kleinen Eimer wieder nach dem Kyffhäuser ging, versteckte sich hinter einem Gebüsch und sah es nach einer Zeit aus dem Eingange, der zu dem Keller führte, mit dem gefüllten Eimer heraus kommen. Schon am nächsten Abend schob er auf einem Karren die größte leere Tonne, die er hatte auftreiben können, den Berg hinauf. An dem Orte aber, wo er den Eingang gesehen hatte, wurde plötzlich alles dunkel um ihn her, der Wind fing an fürchterlich zu heulen und warf ihn mit seiner Karre und leeren Tonne von einer Mauer zur anderen. Zuletzt fiel er immer tiefer und kam in eine Todtengruft. Da sieht er einen schwarz behangenen Sarg vor sich vorüber tragen, und seine Frau und vier Nachbarinnen, die er an ihrer Kleidung und ihrem Wuchse erkennt, folgen der Bahre nach. Grausen ergreift ihn und er fällt in eine Ohnmacht. Nach einiger Zeit erwacht er wieder aus seiner Betäubung; da hört er über sich die ihm wohlbekannte Turmuhr von Tilleda zwölf schlagen. Da tritt ein Mönch zu ihm, trägt ihn eine hohe Treppe empor, schließt eine Thüre auf, drückt ihm schweigend etwas Geld in die Hand, und legt ihn aus dem Boden nieder. Nun schleppt er sich mühsam ohne Tonne und Wein nach seinem Haufe hin, muß sich sogleich zu Bette legen, und nach drei Tagen war er todt. Das Geld, das ihm der Mönch gegeben hatte, reichte grade zu seiner Beerdigung hin.


Quelle: Deutscher Sagenschatz, herausgegeben von Dr. J. W. Otto Richter, Verlag von Otto Mähnert, Eisleben, 1877