Der Schnee

Der Schnee – Autor: unbekannt

In alten Zeiten hat der Schnee gar keine Farbe gehabt und hat so gern eine Farbe haben wollen. Da geht er hin und bittet das Gras, es soll ihm seine Farbe geben. Das Gras lacht ihn aber höhnisch aus und sagt, er soll man weitergehen.
Da geht er hin und bittet das Veilchen, das soll ihm seine Farbe geben. Das Veilchen lacht ihn auch aus und sagt: „Geh man weiter.“ Da bittet er die Rose. Die Rose will aber auch nicht. Da geht er die Reihe herum zu allen anderen Blumen, aber die wollen nichts von ihm wissen und lachen in alle was aus.
Zuletzt kommt er zu dem Schneeglöckchen. Das Schneeglöckchen will erst auch nicht. Da wird der Schnee ganz traurig und sagt: „Dann geht mir das ja gerade so wie dem Wind. Der hat uch keine Farbe und brüllt und bläst bloß. Den kann auch niemand sehen.“ Da erbart sich das Schneeglöckchen und gibt ihm seine Farbe. So ist der Schnee weiß geworden.
Seither ist der Schnee all den anderen Blumen gram und läßt sie erfrieren. Bloß das Schneeglöckchen, das erfriert nie, das wird vom Schnee geschont.
(Quelle: Die Märchentruhe, Gerhard Stalling Verlag, 1924)

Die Märchentruhe – von Wilma Mänckeber-Kollmar