Die Heimat

Die Heimat, eine Erzählung von Heinrich Hansjakob.

Mitten im lieblichen Kinzigtale des an wunderbaren Talgründen so reichen Badnerlandes erhebt sich meine kleine Vaterstadt Haslach, im Volksmunde Hasle genannt Hohe Berg, mit stolzen Tannen und buchen gekrönt, üppige Matten und der silberhelle Bergfluß schließen das Paradies meiner Jugendzeit ein.
Es sind bald sechzig Jahre mit mir durchs Leben gegangen seitdem ich das erste Bild des Städtchens in meine Seele aufnahm. Meiner Großmutter Schwester, die uralte „Lenebas“, der greise Schutzengel meiner Jugend, führte mich eines Tages auf die Zinne des kleinen „Schänzleberges“ und zeigte mir die Herrlichkeit der Heimat. Sie wies zuerst hin auf den mit „Silber“ beschlagenen Kirchturm, von dem ich bis zur Stunde manchmal träume aus der Kinderzeit, als zöge ich an seinen Glocken oder hrte die alte Turmuhr schlagen.
Sei mir heute wieder gegrüßt, due erster Himmelszeuge meiner Kindheit! Zwar weiß ich schon längst, dass dein Silber eitel Bech ist; – ber dieses Blech glänzt wie heller, echter Silberschein in meine Jugenderinnerungen, und um dich reihen sich die Häuser, Straßen, Gassen und Gäßchen, durch die meine Kindesseele ihre „Hochzeit“ hielt alle Tage. Du bist der Mittelpunkt meiner Erinnerungen an die Heimat, an die ich nicht denken kann, ohne dass dein „Silberhaupt“ zuerst mir entgegenstrahlt, um welches alles andere sich im Geiste gestaltet! Von dir geht mir das Städtchen aus.
„Eng ist der Weg und schmal die Pforte, die zum Himmel führt.“ Diese Bibelworte verewigten die alten Haslacher an ihrem Gotteshause, zu dem ein gar enges Gäschen vom Marktplatz hinaufführt zum „silbernen“ Kirchturm. Er ist uralt wie seine beiden Nachbarn, die ihn vorne und hinten einrahmenden alten Zehntgebäude der ehemaligen regierenden Herren, der Fürsten von Fürstenberg. „Kästen“ nennt sie bezeichnend das Volk bis heute, und die „Vogtei“ über sie war in meinem Geschlechte und der letzte Kastenvogt mein seliger Vetter Eduard.
Die meisten Haslacher wissen nicht, dass sie einstens zähringisch waren und dass Agnes von Urach, Schwester Bertolds V. von Zähringen, ihrem Gemahl, Egino V., 1218 Haslach zubrachte. Als die Uracher sin in Urach-Fürstenberg und Urach-Freiburg abzweigten, kam Haslach an das Haus Fürstenberg, das vom 13. bis 19. Jahrhundert sein Zepter führte über das Kinzigtal.
Eine eigene Residenz schlug 1284 dies Geschlecht zu „Hesela“ auf, aber schon in der Schlacht bei Sempach endigte der letzte dieser Linie. Schloß und Burg sind längst verschwunden, nur die „Zehntkästen“ sind noch Zeugen der einstigen fürstenbergischen Herrschaft. Sie und das alte Rathaus am Marktplatz sind die einzigen Freunde des Kirchturms, die den spanischen Erbfolgekrieg überlebt haben, und zu ihnen kommt noch St. Sebastian, der gepfeilte Heilige auf dem Brunnen am Platz.
Aber wie sie, so ist alles beim alten geblieben seit jenen Tagen, da ich den ersten Eindruck bekam von der Heimat. Straßen, Häußer und Gassen sind dem Zahn des Fortschritts nicht verfallen. Meist noch die alten Läden und Fenster, und nur der veränderte Hausschild eines Wirts, Krämers oder Hutmachers verkündet, dass die Menschen gewechselt haben. Doch eines vermisse ich! Das alte, ehrwürdige Straßenpflaster haben sie mir herausgerissen, von dem jeder Stein meinen flüchtigen Knabenfuß trug und dessen Kühle den kleinen Barfüßler im Sommer doppelt sprungfertig machte. Auf diesem Pflaster dröhnten einst die Thurn- und Taxis´schen Postwagen durch die Städtchen, von Ulm oder Frankfurt herkomend; sie vermittelten den Weltverkehr und brachten Briefe und Zeitungen
Draußen vor der Stadt, oberhalb der Mühle, die von Osten her den Reigen der Häuser beginnt stand ich manchen Morgen und harrte, bis der gelbe „Eilwagen“ das Tal herabkm und des Postillons gelbes Röcklein und sein Hörnlein sichtbar wurden. Und wenn dann der „Jakob“, der Mann der Köchin meiner Taufpatin im Adler, gerade als Kondukteur die Route hatte von Stockach bis Offenburg, da jubelte mein Kinderherz. Denn der Jakob nahm mich in sein Coupe, oder er schob mich dem Postillon auf den „Bock“ zu, und hinein ging´s ins „Städtle“. Und wenn dann der Postillon sein Hörnlein ansetzte und der Wagen auf dem Pflaster rasselte, da klang´s wie „Orgelton und Glockenklang“ in meiner Seele.
Die „Eilwägen“ sind längst verschwunden; die Schwarzwaldbahn führt die Menschen vorüber an meiner Heimat ohne eine Ahnung von dem Paradies, das meine Jugendgenossen und ihr hier verlebten.
Wollen wir noch weiter auf den alten Steinen wandeln und alle Gassen und Gässchen durchziehen? – Fast von jedem Hause könnte ich erzählen, wie viele Menschen vor fünfzig und mehr Jahren darin lebten, wie viele Kammern und Stuben es hatte, und könnte vom Keller bis zum Taubenschlag Auskunft geben. Doch wozu erzählen, was jeder aus seiner eigenen Heimat kennt. Ich will ja nur vom Glück sagen, vom Kindesgklück un von dem, was zu diesem Glücke beitrug. Und da brauche ich die Straßen und Häuser nicht alle zu nennen, obwohl sie fast alle Zeugen waren jener glücklichen Lebenstage.
Wenn ich aber im Kindergeiste über die Häuser der Heimat hinblicke, so kommt immer wieder der silberne „Kirchturm“ und unmittelbar nehben ihm das „Storchennest“ auf dem südlichen Zehntkasten. Ja, die Storchenfamilie und ihr Haus verschlangen manchen Blick meiner gierig schauenden Kinderaugen.
Ewiger Fühling lebt ja im Kinderherzen; wenn aber die ersten Storchen kommen, so bricht er los im Kinderwund, und wie „Feuerreiter“ rannten wir durch das ganze Städtchen und heim zur Mutter und Großmutter und erzählten die Ankunft der Storchen. Der Athener, der seinen Landsleuten die erste Nachricht vom Siege über ie Perser in die Stadt gebracht war kaum so freudig bewegt als wir mit der Kunder „Die Storken sind da!“
Zwei Gebäude noch, außer den Häusern der Eltern, Großeltern und Nachbarn, stehen lebhaft in den Erinnerungen meiner Kindesezeit – die Apotheke und das Kloster.
Erst war mir das freundliche Apothekerhaus bei der alten Stadtmauer unheimlich. Denn da wohnte ie steinalte Baronin von Kraft; die trug Mannskleider, einen kleinen Schnurrbart und rauchte eine Pfeifer, ein Mannweib in des Worte kühnster Bedeutung. Als Witwe vergeudete ihr der Sohn Hab und Gut; da wurde sie selbst ein Mann, gründete die Senfmühle drobe am Mühlbach, fabrizierte Senf und fristete so ihr Leben Aber ihre Züge waren hart und häßlich in der blauen Männertracht, und wir Kinder fürchteten die Frau, die nie ein Lächeln mehr auf ihrem Gesichte zeigte.
Als sie aber starb, kam die Apotheke ins Haus, und jetzt war es mir zum Lusthaus für meine Geruchsnerven. Mit welcher Ehrerbietung, aber zugleich mit welch innerer Wonne trat ich von jetzt ab in die Apotheke! Still, aber in kräftigen Zügen sog ich die Wohlgerüche ein und schaute voll Bewunderung dem Apotheker zu, wie er aus den alabasterweißen Gefäßen einen Wohlgerum um den anderen ausströmen ließ. Mir war dieser Mann der größte Gelehrte der Stadt; er imponierte durch die Geruchsnerven meinem kleinen Geiste.
Leider war selten jemand krank im eigenen Hause; ich mußte mir daher selbst wieder von Zeit zu Zeit ein „Wurmpulver“ zu verschreiben, um so in das Haus der Wohlgerüche zu kommen. So oft ich aber in der Nachbarschaft den alten Physikus mit seinem goldknopfigen Meerrohr aus- oder eingehen sah flugs war ich am Platze und meldete mich für die Apotheke. Auf dem Rückwege roch ich noch an dem Gold- oder Silberpulver, mit dem der Kork des Medizinglases eingebunden war, und freute mich des Duftes.
Nicht weit von der Apotheke trauert einsam und zerfallen am stillen Bach das Kapuzinerkloster, an das sich mir die süßesten und frühesten Erinnerung anknüpfen. Nur noch ein Pater und zwei Brüder lebten in dem aufgehobenen Klösterlein zur Zeit meiner erwachten Kindheit. Aber es war einer der feierlichsten Gänge, der Weg zur Klosterpforte, um „Klosterbrot“ zu „heischen“. Wie klopften unsere Herzen, wenn auf unser Pochen an der Pforte die Schritte des Bruders Otmar nahten! Wenn wir am Himmelstor den Erzengel Gabriel erwartet hätten, die freudige Spannung hätte nicht größer sein können. Er war ein häßlicher Mensch, sein Lächeln mehr ein Grinsen; aber wenn er jedem sein Stück Brot reichte, dass er stets hinter der Klostertüre in einem Schrank parat hatte, da kam uns der braune, schmutzige Mönch wie ein verklärter Heiliger vor, und wir hätten ihn alle küssen können.
Und wenn er dann, freundlich nickend, die Türe wieder schloß und wir davonjauchzten mit unserem Klosterbrot, da hätten wir mit keinem Menschen die Wonne vertrauscht, mit er das schwarze Gebäck uns erfüllte. Das war uns mehr, als den Engelei im Himmel Ambrosia und Marzipan.
Nie mehr bin ich seit jenen Tagen so glücklich über die Klsoterbrücke geschritten wie damals, als der Bruder Otmar noch lebte, bettelte und uns wieder vom Gebettelten selig machte. –
Wir dürfen nicht am Klosterbach der Heimat vorüber, ohne ihrer Büchlein zu gedenken. Aus jedem der Seitentäler, die auf das Städtchen ausmünden, strömt ein lustig Bächlein der Kinzig zu. Diese Bächlein fließen durch die Stadt und um die Stadt. Ihre Namen sind: der Stadtbach, der Klosterbach und der Mühlenbach. Ich weiß heute nicht, wem diese Bäche gehören, allein zu meiner Kindeszeit gehörten sie als unbestrittene Domänen uns Knaben. Da war kein Stein, unter dem eine Grundel ihr wohliges Dasein fristete, keine Höhlung am Uferrand, in der das dunkle Forellchen spielte, die wir nicht kannten. Stunden-, ja tagelang ward gefischt mit bloßer Hand. Und wer schildert die Wonne des Knabenherzens, wenn das glänzende Fischlein zwischen den Fingern zappelte und in den mitgebrahten „Milchtopf“ abgesetzt wurde! Wahrlich, wer ein Königreich erobert, kann nicht glücklicher sein!
Habt Dank ihr Bächlein der Heimat, für jene Stunden auf eurem kühlen Grunde und fließt weiter dem Strom zu und macht immer und immer wieder Kinderherzen glücklich, ehe sie im Strom des Weltlebens ihr „Paradies“ verlieren und untergehen! –
Sehen wir uns jetzt einmal nach den Menschen um, die unter dem Schutze des „silbernen“ Kirchturms in den Häusern an den Straßen und Bächen er Heimat wohnen.
In meiner jugendzeit lebten etwa sechzehnhundert sogenannte Seelen in dem idyllischen Städtchen. Trotzdem eine Generation seitdem ausgelebt hat, werden´s heute nicht weniger sein, aber auch nicht mehr. Wie damals, so sind die Menschen meiner Heimat Doppelnaturen, halb Bauern, halb Handwerker. Am Morgen flicken sie Schuhe, reparieren alte und machen neue Hosen färben Zwilch, walken Strümpfe und Filzhüte, verkaufen Zichorie und Kaffee, und am Nachmittag hacken sie ihre Kartoffeln und holen ihren Klee. Die Weiber begießen am Abend den Salat und die Krautköpfe in den Gärten, „auf dem Graben“ und „im Grün“, und die Männer sitzen im Bierhaus und übern „Kannegießerei“.
Zwei Dinge aber kann man meinen lieben Mitbürgern vor allem nachsagen: Es ist noch keiner aus Gram oder an Durst gestorben und es hat sich noch keiner zu Tode gearbeitet. Dazu kommt noch ausgesprochenes Talent zu Fastnachtsstücken, unerschöpflicher Witz und Galgenhumor zum Wegwerfen.
Und die Frauen? Solcher gab es in meiner Jugend immer nur zwei: die Frau Oberamtmann und die Frau des fürstenbergischen Rentmeisters fischer, der in meinem elterlichen Hause wohnte. Alle anderen waren „Weiber“, von denen mir in meinen Knabenjahren nur zu Sinnen kam, , dass sie im Winter gerne „z`Liacht“ gingen und fleißig am Spinnrad und mit der Zunge arbeiteten, im Sommer die schönsten Gurken Der Umgegend pflanzten und anno 48 noch hitziger als ihre Männer für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ schwärmten.
So sind, kurz gesagt, die Menschen beschaffen, unter denen ich meine Kindes- und Knabenzeit verlebte und mit denne ich alle guten und alle schlimmen Eigenschaften teile bis zum heutigen Tage.
Noch darf ich zum Schlusse nicht vergessen, dass meine Heimat in Stadt und Vorstadt sich abteilt. Eine lange Querstraße trennt beide. Die Stadt ist die ehemals unmauerte Altstadt, und in der vorstadt sitzen die Nachkommen der außerhalb er Mauer angesiedelten Fremden, der Hintersaßen und Pfahlbürger.
In der Stadt lebten die Patrizier, draßen die Plebejer. Mein Name weist meinem Geschlechte den Platz unter den letzeren an. Zwar eroberten die Söhne und Enkel meines Ahnheren, eines Färbers, bald einige „Paläste“ im Patriziergebiet, aber sie blieben innerlich doch Plebejer. Noch im vorigen Jahrhundert stand mein Ur-Urgroßvater, Hans Hansjakob, gewählter Fürsprech der Stadt, an der Spitze der Plebejer gegen den Fürsten Wenzel von Fürstenberg, als er die Stempelsteuer einführen wollte. Man schlug den Empörer in Ketten und Banden, und im fürstlichen Hausarchiv liegen heute noch die Akten über seinen Prozeß verwahrt. –
Das ist in kurzen Zügen die Heimat und ihr Volk.
Die Erinnerungan die Heimat und an all das, was ihr Name umschließt, ist die Äolsharfe im Herzen des fern vom Elternhaus weilenden Menschen. Sie tönt fort und fort in allen Lagen des Lebens. Die leisten Zephyre heiterer Stunden, wie die Stürme kampfbewegter Tage, sie alle schlagen an sie an, weil in Glück und Unglück, in Trauer und Freude das Bild der Heimat vor die Seele dessen tritt, der fern von ihr weilt und den sein Geschick hinaus trieb in die Welt, fort vom Vaterhaus. –

Die Heimat, eine Erzählung von Heinrich Hansjakob.

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