Graf Gero von Montfort

Graf Gero von Montfort* – Gedicht von Gustav Schwab

Von Montfort war’s der greise Graf,
Gesättigt von dem Leben,
Der sah den blauen See im Schlaf,
Und stille Kähne schweben,
Auf Wasser, Erd’ und Himmel Ruh’;
Da flog sein Herz dem Frieden zu.

Und als vom Traum er aufgewacht,
Da ruft er seine Knechte,
Hat sie belobt und gut bedacht,
Nimmt Abschied vom Geschlechte,
Verläßt die Herrschaft und das Schloß,
Und zieht zum fernen Strand zu Roß.

Wie nun er an das Ufer trabt,
Hört guten Wind er sausen,
Und trifft am Strand den frommen Abt
Vom heiligen Petershausen,
Dazu ein Schiff, die Segel voll;
O wie sein Herz von Sehnsucht schwoll!

Sanct Peters Haus, die stille Statt,
Von Wellen leis bespület,
Sein Geist sich ausersehen hat
Vom Jrd’schen abgekühlet;
Dort will er dienen Gott dem Herrn,
Von Lust und Pracht der Erde fern.

Den Abt erquickt der heil’ge Sinn,
Er hebt ins Schiff den Grafen;
Wohl bringt dem Kloster das Gewinn
Sie stoßen ab vom Hafen.
Schon schwimmt das Schiff auf blauer Fluth –
Wie wird dem Greise dazu Muth!

Er spricht gerührt: „O fühltet Ihr,
Herr Abt, was ich empfinde!
Es blickt das Wasser auf zu mir,
Wie Mutter nach dem Kinde!
Denn wißt, bei jenes Hornes** Riff
Geboren ward ich einst im Schiff.

„Und wenn ich in dem Nachen drin
So sanft geschaukelt liege,
Wird mir wie einem Kind zu Sinn,
Als ruht ich in der Wiege;
Die Mutter lispelt in mein Ohr
Und singt ein Schlummerlied mir vor.“

Derweil sie segeln frisch nach vorn,
Da übermannt’s den Grafen;
Sie sind nicht ferne mehr vom Horn,
So hebt er an zu schlafen,
Und bei der Ruder gleichem Schlag
Er schlummernd auf dem Schiffe lag.

Und wie das Schiff vorüberzieht,
Dort, wo er ward geboren,
Da tönt das süße Wiegenlied
So hell in seinen Ohren;
Er schlug die Augen auf und rief:
„O Mutter, wie so tief ich schlief!“

Er schließt die Augen wieder zu,
Noch tiefer fortzuschlafen:
Steh, Nachen, still! nicht eile du!
Dein Gast ist schon im Hafen.
Der Abt zu seinen Füßen kniet,
Ihn mit dem letzten Trost versieht.

Bringt ihn zum heil’gen Haus hinab,
Legt in den Chor den Frommen;
Dort rauscht die Fluth, die einst ihn gab,
Und die ihn jetzt entnommen;
In süßem Frieden, frei von Harm,
Ruht er der Welle dort im Arm.

*) Graf Gero, der Familie von Montfort angehörig und Herr von Pfullendorf, beschloß im höheren Alter, der Welt zu entsagen und in dem Kloster Petershausen dem Himmel zu leben. Voll Sehnsucht nach dieser Ruhestätte entdeckte er am See, auf einer Reise begriffen, sein Vorhaben dem Abte jenes Klosters; setzte sich mit ihm zu Schiffe und segelte dem Hafen zu; aber ihn sollte noch eine stillere Ruhestätte auf nehmen. Er ward noch auf der Fahrt schwer krank; und an der schmalen Landzunge, die unweit Constanz sich in’s Wasser streckt und schon damals das Eich-Horn hieß, starb der Greis im Schiffe, das jetzt den Todten wiegte, wie es einst den Säugling gewiegt hatte; denn er war zu Schiff auf dem Bodensee geboren. Seine Hülle ward an der Stätte seiner Sehnsucht, zu Petershausen, bestattet.
(Siehe Gustav Schwab „Der Bodensee nebst dem Rheinthale c,“)
**) Horn heißt am Bodensee so viel als Landzunge.

(Quelle: Badisches Sagenbuch, August Schnetzler, Verlag von Creuzbauer und Hasper, Karlsruhe, 1846)