Präludium – von Karl Doll

Präludium

Auf, mein Büchlein, fromm begonnen
Deinen Gang, wohl ist es Zeit!
Frisch gewagt ist halb gewonnen
Und die Welt, die Welt ist weit.
Zwar nicht darf ich dir es hehlen:
Sei vor Täuschung auf der Hut!
Denn das Glück, es kann ja fehlen,
Ob auch Herz und Wille gut.

Du jedoch, du sei vernünftig,
Sei bescheiden allzumal!
Seit die Menschheit nicht mehr zünftig,
Ist sie nicht mehr ideal.
Manches wird zu leicht genommen,
Ach, das Leben ist kein Spiel.
Willst du nicht zu Schaden kommen,
Hoffe nimmermehr zu viel!

Soll ich offen dir enthüllen,
Was dir winkt auf deiner Bahn?
Wird´s dich nicht mit Trost erfüllen,
Heilt es dich vielleicht von Wahn.
Manche Pforte steht verschlossen;
Ob sie dir wird aufgetan?
Lass es gut sein, unverdrossen
Klopfe du nur freundlich an.

Aufgenommen wirst du werden
Mit verschiedner Melodie,
Meist mit fragenden Gebärden,
Denn das Mißtraun schlummert nie;
Herb und höflich, süß und sauer,
Bald mit Schmollen und Gegroll,
Heute sanfter, morgen rauher,
Einmal wohl auch liebevoll.

Zweifelnd werden Ein´ge schmunzeln,
Nun, das Schmunzeln ist erlaubt,
Werden gar die Stirne runzeln,
Schütteln ihr profanes Haupt:
Was? Balladen? – Hackbrett-Arien!
Bleibt mir fern, vom Leibe weit:
Steuerbücher, Formularien,
Akten, Akten braucht die Zeit!

In das Feuer, in das Wasser
Mit der Reimerei! führwahr,
Bass geziemte dem Verfasser
Ein Gesetzeskommentar. –
Lass sie summen, lass sie brummen!
Ach, wie balde wird’s geschehn,
Ihre Weisheit wird verstummen,
Spurlos ihr Gesumm verwehn.

Ein´ge stehn mit Achselzucken:
Bücher kaufen? Lug und Trug,
Firlefanz nur, was sie drucken!
Brauche sonst schon Geld genug!
Lass die goldnen Biederseelen,
Wollen schlemmen, schlucken, Kind;
Krämer sind es, kann es fehlen,
Dass sie längst gebildet sind?

Ein´ge horchen deiner Märe
Sehn dann mitleidvoll dich an:
O wenn doch es Prosa wäre,
Ein Novellchen, ein Roman!
Lesen wollen wir Geschichten,
Lange, zu gespannter Qual,
Und vergreifen an Gedichten
Uns vielleicht ein andermal.

Ach, ist denn so ganz verschworen,
Ganz verpönt die Poesie?
Ging der Welt der Stern verloren,
Den ein Gott zum Trost ihr lieh?
Nein, du wirst es inne werden,
Zog sie scheu sich auch zurück:
Immer weilt sie noch auf Erden,
Sie, der Menschheit letztes Glück!

Noch ging jedes Herz nicht unter
In dem Pfuhl der Lebensnot,
Manches hielt sich jung und munter,
Dass dir hell entgegen loht.
Voll erkannt einst wird der Segen,
Der im Sagenborne rauscht,
Und das Volk, es nimmt entgegen
Was dem Volksmund abgelauscht.

Soll mit uns es besser werden,
Schaffen, Raffen tut allein,
Geld und Witz es nicht auf Erden,
Stellt sich nicht ein Höhres ein:
Jung am Herzen, kühn im Streben,
Von der Hütte bis zum Thron
Deutsch und treu! Das hält am Leben,
Führt zur Blüte die Nation!

Auf denn, Büchlein! Bist ein Schwabe,
Fürcht dich nit! es ahnt zur Frist
Kaum die Welt, wie reich an Habe,
Wie sie reich an Schätzen ist.
Die zu heben dir gelungen,
Jedem teile sie nach Wahl,
Streu sie kühn vor frischen Jungen,
Sittiglich im Frauensaal!

„Sprecht, womit euch kann ich freuen?
Wollt ihr Wonnen, wollt ihr Leid?
Soll ich Rosen, Dornen streuen?
Alles trag ich hier im Kleid.
Wollt ihr Lachen, wollt ihr Weinen,
Maiendurft und Vogelsang?
Seht ihr gern die Sterne scheinen?
Wollt ihr Sturm und Wogendrang?

„Möchtet ihr den Schleier tragen,
Skapulier und Rosenkranz?
Möchtet ihr die Laute schlagen
Fröhlich sein bei Spiel und Tanz?
Wollt ihr leichte Kränze tauschen
Für ein muntres Mägdelein?
Soll es seiden euch umrauschen?
Wollt Ihr Perlen, Edelstein?

„Wollt ein Schwert ihr für die Hüften,
Rüstung, Sporen, Ross und Tross?
Oder hoch in blauen Lüften
Eine Burg, ein Königsschloss?
Wollt ihr Pagen? wollt ihr Elfen?
Feen von guter, schlimmer Art?
Oder kann wohl gar nur helfen
Euch ein Bräutchen lilienzart?

„Wollt ihr Horn und Hund, zu jagen
Im Gewälde Hirsch und Reh?
Wollt ihr Männerschlachten schlagen
Auf der Wahlstatt flut´gem Klee?
Oder seid ihr lose Zecher,
Die da lüstet nur nach Wein?
Goldne Kannen, goldne Becher
Nehmt, den Wein bekommt ihr drein.

„Wollt ihr Falschheit, wollt ihr Treue,
Kampf und Wunden, Harm und Ruh,
Hass und Liebe, Schuld und Reue?
Wählt nach Luft und greifet zu!
Nehmet gnädig, was ich reiche,
Nehmet Alles allsofort,
Scherz und Ernst – und Schwabenstreiche
Habt ihr einen ganzen Hort.“


Quelle: Schwäbische Balladen von Karl Doll, W. Hohlhammer, Stuttgart, 1883