Das Brautpaar zu Tilleda

Das Brautpaar zu Tilleda – Sage nach Johann Gustav Büsching.

In Tilleda wohnte ein armer, frommer Tagelöhner. Seine Tochter war die Braut eines ebenso dürftigen wie redlichen Handwerkers. Schon waren die Gäste geladen, aber kein Mensch hatte daran gedacht, daß im ganzen Hause nur ein Topf, eine Schüssel und zwei Teller waren. „Was machen wir?” fragte einer den andern, aber keiner wußte Rat. Endlich sagte der Vater halb im Scherze, halb im Ernste: „Ei, geht doch hinauf zum Kyffhäuser; vielleicht leiht euch die Prinzessin das Nötige!” Gesagt, gethan; die Brautleute wandern wirklich hinauf und treffen die Prinzessin vor der Oeffnung des Berges. Schüchtern bringen sie ihr Anliegen vor; die Prinzessin lächelt und winkt ihnen zu folgen, was sie mit fröhlichem Herzen thun. Sie bekommen nun erst zu essen und zu trinken, und dann packt ihnen die Prinzessin einen großen Tischkorb voll Teller, Schüsseln, Löffel, Messer und Gabeln. Unter herzlichem Danke verspricht das Brautpaar morgen alles unversehrt zurückzuliefern und auch etwas Reisbrei und Hochzeitskuchen mitzubringen. Sie eilen nun nach Tilleda zurück, so schwer ihnen auch der zugedeckte Tischkorb wird. Aber wie wird ihnen zu Mute, als sie ein ganz anderes Dorf vor sich sehen. An der Stelle, wo ihres Vaters Hütte stehen mußte, stand ein großer Ackerhof; kein Nachbarhaus war ihnen mehr kenntlich; kein Baum, kein Garten war wie sonst. Lauter fremde, unbekannte Menschen in ganz anderer Tracht umstanden das Brautpaar und betrachteten dasselbe ebenso verwundert, wie dieses verwundert um sich blickte. Trostlos setzten sie ihren Korb auf die Erde und überlegten, was zu thun sei. Da kam auch der Prediger herbei und erkundigte sich, wer sie wären und woher sie kämen. Da klagte ihm die Braut, daß sie unter den fremden Leuten wie verraten und verkauft wären, und erzählte sodann, daß sie gestern mit ihrem Bräutigam auf den Kyffhäuser gegangen sei, um sich einiges Geschirr für die Hochzeit von der Prinzessin zu holen. Der Prediger, der die Sache bald ahnte, nahm das Brautpaar mit in sein Haus, schlug das Kirchenbuch nach und fand, daß die Brautleute gerade zweihundert Jahre in dem Kyffhäuser gewesen waren. Der Prediger führte nun das Brautpaar zum Altare und nach der Trauung feierte das ganze Dorf fröhlich das Hochzeitsfest der alten Verlobten mit. Dabei bedienten sie sich des Geschirrs, das sie von der Prinzessin erhalten hatten und das, wie sie jetzt erst sahen, von gediegenem Golde war. Am nächsten Tage wollten sie es wieder zurückbringen, aber sie fanden die Prinzessin nicht wieder, und eine Stimme aus dem Gemäuer rief ihnen zu: „Behaltet das Gold als Hochzeitsgeschenk, denn der Treue, die auch im Alter noch jung bleibt, war es beschieden!” So gingen sie denn wieder den Berg hinab und kauften sich den Ackerhof, welcher da erbaut war, wo ihres Vaters Hütte stand. Noch heutzutage sollen ihre Kindeskinder in dm Ackerhofe wohnen und sich eines reichen Segens zu er freuen haben.

(Anm: Diese liebliche Sage ist von Ludwig Bechstein poetisch dargestellt worden).


Quelle: Deutscher Sagenschatz, herausgegeben von Dr. J. W. Otto Richter, Verlag von Otto Mähnert, Eisleben, 1877