Der Fremdling in Memel – Johann Peter Hebel

Der Fremdling in Memel – eine Erzählung von Johann Peter Hebel.

Oft sieht die Wahrheit wie eine Lüge aus. Das erfuhr ein Fremder, der vor einigen Jahren mit einem Schiff aus Westindien an den Küsten der Ostsee ankam. Damals war der russische Kaiser bei dem König von Preußen auf Besuch. Beide Potentaten standen in gewohnlicher Kleidung, ohne Begleitung, Hand in Hand, als zwei rechte, gute Freunde, beieinander am Ufer. So etwas sieht man nicht alle Tage. Der Fremde dachte auch nicht dran, sondern ging ganz treuherzig auf sie zu, meinte, es seien zwei Kaufleute oder andere Herren aus der Gegend, und fing ein Gespräch mit ihnen an, war begierig, allerlei Neues zu hören, das seit seiner Abwesenheit sich zugetragen habe. Endlich, da die bei den Monarchen sich leutselig mit ihm unterhielten, fand er Veranlassung, den einen auf eine höfliche Art zu fragen, wer er sei. „Jch bin der König von Preußen,” sagte der eine. Das kam nun dem fremden Ankömmling schon ein wenig sonderbar vor. Doch dachte er, es ist möglich, und machte vor dem Könige ein ehrerbietiges Kompliment. Und das war vernünftig. Denn in zweifelhaften Dingen muß man immer das Sicherste und Beste wählen, und lieber eine Höflichkeit aus Jrrtum begehen, als eine Grobheit. Als aber der König weiter sagte und auf seinen Begleiter deutete: „Dies ist Se. Majestät der russische Kaiser,” da war’s doch dem ehrlichen Mann, als wenn zwei lose Vögel ihn zum besten haben wollten, und sagte: „Wenn ihr Herren mit einem ehrlichen Mann euren Spaß haben wollt, so sucht einen andern, als ich bin. Bin ich deswegen aus Westindien hiehergekommen, daß ich euer Narr sei?” — Der Kaiser wollte ihm zwar versichern, daß er allerdings derjenige sei. Allein der Fremde gab kein Gehör mehr. „Ein russischer Spaßvogel möget ihr sein,” sagte er. Als er aber nachher im grünen Baum die Sache erzählte und andern Bericht erhielt, da kam er ganz demütig wieder, bat fußfällig um Vergebung, und die großmütigen Potentaten verziehen ihm, wie natürlich, und hatten hernach viel Spaß an dem Vorfall.


(Quelle: Schätzkästlein des Rheinischen Hausfreundes, American Book Company, 1913)