Der Schäfer bei dem Kaiser

Der Schäfer bei dem Kaiser – Sage von Johann Gustav Büsching.

Ein Schäfer trieb einmal seine Herde ziemlich weit hinauf an das alte Kyffhäuferschloß und blies fröhlich auf seiner Schalmei, daß es weithin hallte und schallte. Plötzlich stand ein ganz kleines Männlein neben ihm, grüßte ihn artig und züchtiglich und fragte: „Möchtest du wohl den alten Kaiser Friedrich sehen und ihm auch solch ein fröhliches Stücklein aufspielen?” — „Warum denn nicht?” erwiderte der Schäfer und folgte dem Männlein getrost in den Felsengang, der sich mit einem Male vor ihnen aufgethan hatte. Nach ziemlich langer Wanderung kamen sie in eine weite Halle, wo der Barbarossa mit geneigtem Haupte und geschlossenen Augen schlummerte. Beherzt ergriff der Schäfer nun seine Schalmei und blies. Da hob der alte Kaiser sein Haupt mit dem roten Barte empor, der durch den Tisch gewachsen war, und fragte: „Fliegen die Raben noch um die Burg?” — „Sie fliegen noch!” erwiderte der Schäfer. Auf diese Antwort seufzte der Kaiser tief und schwer und sprach kummervoll: „So muß ich auf’s Neue hundert Jahre schlafen!” neigte wieder sein Haupt und schien zu entschlummern. Der Zwerg führte hierauf den Schäfer an’s Tages licht und verschwand, ohne ihm eine Belohnung zuzustellen. Als nun der Schäfer nach seiner Heerde sah, die zuvor klein war, erstaunte er, zahlte und zählte und fand, daß hundert Stück darüber waren. Die gehörten ihm nun als Eigentum an und er wurde sehr reich.


Quelle: Deutscher Sagenschatz, herausgegeben von Dr. J. W. Otto Richter, Verlag von Otto Mähnert, Eisleben, 1877