Dichter und Richter

Dichter und Richter – Gedicht von Ludwig Bechstein.

Aus dem Liederschacht im Busen
Gab ich der Gefühle Gold,
Ringend nach der Gunst der Musen,
Nicht nach eitlen Ruhmes Sold.
Und ich fühle freudig heute,
Daß mir damals Dank gebührt,
Der manch Freundlichen erfreute,
Manche Fühlende gerührt.

Aus der Schaar der Dilettanten
Trat ich endlich ernst heraus,
Unbekannt zu den Bekannten
Wagt’ ich mich im kühnen Strauß.
Ohne Wappenschild und Namen
Ritt ich kecklich zum Turnei,
Meiner Lieder leichten Samen
Auszustreuen frisch und frei.

Als ich nun aus traulich engen,
Heitern Kreisen jener Zeit,
Hingetreten vor die Strengen,
Sahen die mich unerfreut.
Und die Strengen, strenge Pflichten
Uebend, haben mich verdammt.
Nicht zu schonen, zu vernichten,
Ueben sie das Richteramt.

Sollt’ ich nun die Leier hängen
An die Wand, daß sie verstaubt?
Hat doch manches Herz den Klängen
Froh gelauscht und fromm geglaubt.
Soll die Pflanze nicht mehr grünen,
Weil ein Sturm sie niederbog?
Ist kein Sonnenstrahl erschienen,
Der sie wieder lichtwärts zog? –

Nein, ich lasse Strenge schelten,
Und ich dichte fröhlich fort!
Ihren Tadel wird vergelten
Manch ermunternd Beifallwort.
Ob sie Sturm erregen konnten,
Wieder glättet sich das Meer,
Und ich fahr’ im hellbesonnten
Liederkahn darauf umher.

Und ich bin und bleibe Dichter,
Freudig übend meine Pflicht;
Jene sind und bleiben Richter,
Ihre Pflicht erfreut sie nicht.
Richtend uns’rer Schwachheit Fehle,
Sitzen kalt sie am Kozy’t,
Während dichtend meine Seele
Durch die Himmel fliegt und glüht.


Phönix – Frühlungs-Zeitung für Deutschland, Druck und Verlag von Johann David Sauerländer, Frankfurt am Main, 1835

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