Die Sonnenfinsternis

Die Sonnenfinsternis – eine Erzählung von Friedrich Ratzel.

An einem Hochsommertag geschah es, dass mein Vater auf den Dachboden stieg, um aus alten Fensterrahmen Gläser zu brechen, und mit Staunen sah ich, nachdem sie sorgfältig gereinigt waren, wie man sie mich Rauch berußte. – “Ihr habt sie eben gereinigt, und nun beschmutzt ihr sie wieder?” – “Warte nur, mein Sohn, du wirst schon sehen, wozu das nötig ist.” – Und Gustav sagte mir: “Heute ist eine totale Sonnenfinsternis. Gib acht, dass du nicht erschrickst! Wenn es dunkel um uns her wird, schau du in dein Regenfass, du wirst die Sonne verschwinden und bald wiederkommen sehen.” – “Gehn wir nicht zu Bett, wenn sie verschwindet??” – “Wir dürfen aufbleiben, denn sie kommt bald wieder und wenn sie wiederkommt, kommt auch gleich wieder der Tag, der vorher da war und schreibt sich mit demselben Datum.”

Ich verstand nicht viel von dem, was da gesagt wurde. Es kam mir verworren vor. Aber dann sah ich mit eigenen Augen im Spiegel meines Wasserfasses das Tagesgestirn plötzlich vergehen und wiedergeboren werden.

War dieses ganz schwarze, unheimlich Ding, das langsam vorrückend die helle Sonne auffraß, wirklich der Mond? Dann war es jedenfalls ein ganz andrer als der freundliche lichte, den ich wohl einmal an einem Winterabend die Welt in Silberflor hatte hüllen sehen. Aber die Sonne selbst, die war eine völlig andre, oder vielmehr, es war so, als ob sie überhaupt nicht mehr wäre; denn als das schwarze Ungeheuer sich so weit in die glührote Scheibe hineingefressen hatte, dass der Rest davon Sichelform anzunehmen begann, wurde die Luft plötzlich kühl, es erhob sich ein Wind wie am Abend, mich fröstelte. Später erzählte man, der Rasen habe sich in diesen Sekunden betaut und es seien dunkle Wolken wie bei Gewittern mit blutroten Rändern plotzlich gegen den Himmel heraufgewachsen. Ich erinnerte mich nicht, jemals wieder so rasch Abendwerden gesehen zu haben; völlig ohne Dämmerung und Abendglühen war der Tag dahin und eine fahle, bleierne Nacht lag auf uns. In diesem Augenblick, wo die Sonnenfinsternis vollständig war, schaute ich wie alle andern, die ihre geschwärzten Gläser beiseite taten, in die Sonne und sah nichts als eine schwarze Scheibe, über deren Ränder Feuertropfen zu quellen schienen. von der zuerst dunkel gewordene Seite der Scheibe waren die Feuertropfen in kurzem zu einem dünnen Lichtband zusammengeflossen und schon glühte dieses so hell, dass man die Gläser wieder vornahm. Ich schaute eifrig in mein Wasser hinein; da umschlangen mich die lieben Arme meiner Mutter von rückwärts und ein tränenüberströmtes Gesicht drückte sich an das meine und ich hörte nur die erstickten Worte: “Wie schrecklich, wie schrecklich! Mein Gott, lass es nicht weitergehn!” Mich fröstelte zwar noch etwas, aber ich verstand nichts von dieser Angst, wollte gern ins Wasser schauen, was sich weiter begab; doch meine Mutter zog mich an sich und herzte mich wie ein Wiedergefundenes. Rascher als es gekommen war, muss sich das Grau, das die Menschen so erschreckte, wieder erhellt haben. Mein Vater trat zu uns und bat meine Mutter, durch das Glas zu sehen, wie die Sonne schon wieder zur Hälfte wieergekhrt sei und zeigte, wie die Schatten der Bäume und der Menschen wiederkehrten, wuchsen und tiefer wurden. Die Leute, die von höher gelegenen Punkten die Finsternis beobachtet hatten, stiegen herab, die meisten mit ernsten Mienen und als die Sonne wieder fast ganz frei leuchtete und die Wolken zurücksanken, die gegen sie, als sie schwach geworden, heraufgewachsen waren, schienen viele erleichtert aufzuatmen. – “Gottlob, dass es vorbei ist!” – “Es war doch ein schreckhaftes Ding!” – “Gut, dass wir unsere liebe Herrgottsonne wieder haben!” hörte man sagen.

“Es ist eine Warnung!” hatte ich auch sagen hören und dieses Wort gab mir zu denken. Eine Warnung an wen? Und von wem? Ich nahm mir vor, Obacht zu geben, wie es nun mit der Sonne weitergehen werde; denn ich hatte die unbestimmte Befürchtung, dass die Warnung wohl von ihr selbst ausgegangen sei und dass die Verfinsterung vielleicht sagen sollte, sie werde jetzt öfters verhindert sein, so regelmäßig wie bisher des Vormittags zwischen dem Rotdorn und Roßkastanienbaum hervorzukommen, deren Blüten sie zur hellen Glut entzündete und werde des Abends nicht hinter dem langen Dach der Maschinenfabrik verschwinden, dessen Blechplatten dabei jedesmal schmelzen und in Fluß zu geraten schienen. Diese Befürchtung war glücklicherweise nicht begründet. Wohl entzündete die Sonne im Kommen nicht mehr die roten Blumen, aber nicht, weil sie etwa trüber geworden wären. Diese Sonne mochte schon viele zur Blüte geweckt und zu Grabe geleitet haben!

Als ich einige Wochen danach mit meinen Eltern auf dem Schloßberg in Baden wohnen durfte, erbat ich mir die Erlaubnis, mit den Erwachsenen den Sonnenaufgang an einem klaren Morgen sehen zu dürfen. Und als ich die Feuerkugel zwischen langen grauen Nachtwolken, die noch wie Schafe hingestreckt waren, rein und hell hervorschweben sah, war ich beruhigt; es war die alte Sonne, die da heiter emporstieg. Nur über eins war ich erstaunt: dass sie einen Augenblick gezögert hatte, sich von der unteren Wolke loszumachen und dann rascher emporgeschwebt war. Ich erklärte mir das als einen Rest von der Furcht vor der Verfinsterung, der sie eben noch glücklich entgangen war. Die Morgenwolken sahen gefährlich genug aus und ein sonnenloser Regentag war ihr Werk. Natürlich hatte sich die Sonne bedacht, ehe sie heraufgeschwebt war und sogleich wieder verfinstert werden sollte. An demselben Abend habe ich sie als Kugel im blauen Dunst der Rheinebene so rasch hinabsinken sehen, dass es schien, als müsse im nächsten Augenblick ein gewaltig tönendes Aufprallen auf den Granit der Vogesen erfolgen. Aber sie ging wie Luft in Luft in die Dunststreifen über; es war ein Dahinschmelzen und nur das Blutrot, das dann alles überfloß, mochte an einen gewaltsamen Untergang erinnern.


Quelle: Bender, Deutsches Lesebuch, Verlag G. Braun, Karlsruhe, 1964