Erntelied

Erntelied – Gedicht von Clemens Brentano

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,
Er mäht das Korn, wenn’s Gott gebot;
Schon wetzt er die Sense,
Daß schneidend sie glänze;
Bald wird er dich schneiden,
Du mußt es nur leiden;
Mußt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Was heut’ noch frisch und blühend steht
Wird morgen schon hinweg gemäht;
Ihr edlen Narcissen,
Ihr süßen Melissen,
Ihr sehnenden Winden,
Ihr Leid-Hyacinthen, Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Viel Hunderttausend ohne Zahl,
Ihr sinket durch der Sense Stahl;
Weh’ Rosen, weh’ Lilien,
Weh’ krause Basilien!
Selbst euch Kaiserkronen
Wird er nicht verschonen,
Ihr müßt zum Ä hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Du himmelfarben Ehrenpreis,
Du Träumer, Mohn, roth, gelb und weiß,
Aurikeln, Ranunkeln
Und Nelken, die funkeln,
Und Malven und Narden
Braucht nicht lang zu warten,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Du farbentrunkner Tulpenflor,
Du tausendschöner Floramor,
Ihr Blutes-Verwandten,
Ihr Gluth-Amaranthen,
Ihr Veilchen, ihr stillen,
Ihr frommen Camillen,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Du stolzer blauer Rittersporn,
Ihr Klapperrosen in dem Korn,
Ihr Röslein Adonis,
Ihr Siegel Salomonis,
Ihr blauen Cyanen
Braucht ihn nicht zu mahnen,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Lieb’ Denkeli, Vergißmeinnicht,
Er weiß schon, was dein Name spricht;
Dich seufzerumschwirrte,
Brautkränzende Myrthe,
Selbst euch Immortellen
Wird alle er fällen!
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Des Frühlings Schatz und Waffensaal,
Ihr Kronen, Zepter ohne Zahl,
Ihr Schwerter und Pfeile,
Ihr Speere und Keile,
Ihr Helme und Fahnen
Unzähliger Ahnen,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Des Maies Brautschmuck auf der Au,
Ihr Kränzlein reich von Perlenthau,
Ihr Herzen umschlungen,
Ihr Flammen und Zungen,
Ihr Händlein in Schlingen
Von schimmernden Ringen,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Ihr sammtnen Rosen-Miederlein,
Ihr seidnen Lilien-Schleierlein,
Ihr lockenden Glocken,
Ihr Schräubchen und Flocken,
Ihr Träubchen, ihr Becher,
Ihr Häubchen, ihr Fächer,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Herz, tröste dich, schon kömmt die Zeit,
Die von der Marter dich befreit,
Ihr Schlangen, ihr Drachen,
Ihr Zähne, ihr Rachen,
Ihr Nägel, ihr Kerzen,
Sinnbilder der Schmerzen,
Müßt in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

O, heimlich Weh, halt dich bereit!
Bald nimmt man dir dein Trostgeschmeid’,
Das duftende Sehnen
Der Kelche, voll Thränen,
Das hoffende Ranken
Der kranken Gedanken
Muß in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

Ihr Bienlein ziehet aus dem Feld,
Man bricht euch ab das Honigzelt,
Die Bronnen der Wonnen,
Die Augen, die Sonnen,
Der Erdsterne Wunder,
Sie sinken jetzt unter,
Alle in den Erntekranz hinein.
Hüte dich, schönes Blümelein!

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb’, Leid und Zeit und Ewigkeit!
Den Kranz helft mir winden,
Die Garbe helft binden,
Kein Blümlein darf fehlen,
Jed’ Körnlein wird zählen
Der Herr auf seiner Tenne rein.
Hüte dich, schönes Blümelein.


(Quelle: Ausgewählte Schriften, Herder´sche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau, 1873)