Hör´, liebe Seel´! wer rufet dir? – ein Gedicht von Clemens Brentano (1803)
Hör‘, liebe Seel‘! wer rufet dir? –
Dein Jesus aus der Höhe:
„Komm, meine Taube, komm zu mir!“ –
Den Ruf ich wohl verstehe.
Wenn ich soll deine Taube sein,
Mußt du mir Flügel geben,
Die wasch in deinem Blut ich rein,
Und werde glaubend schweben.
Du rufest mir! Wie arm ich bin,
Darf ich zu dir doch kommen,
Die Mängel hat dein treuer Sinn
Ja all von mir genommen.
Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein
Für mich bei dir gefunden?
„Ja, meine Taube, komm herein,
Wohn‘ hier in meinen Wunden.“
Mein Jesu, ach, was willst du mir
In deinen Wunden geben?
„Durch meine Wunden, sag‘ ich dir,
Fliegst sterbend du zum Leben.“
Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,
Er wird mich nicht verderben,
Zu deinen Wunden, Herr, ich eil‘,
Da werd‘ ich’s Leben erben.
(Quelle: Ausgewählte Schriften, Herder´sche Verlagshandlung, Freiburg im Breisgau, 1873)
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