Madame Potiphar, ein Gedicht von Max Hoffmann.

Das Gedicht
Sie nennen mich Madame Potiphar,
denn niemand kennt meinen Namen,
ich bin elegant und sehr schick fürwahr,
die schneidigste aller Damen.
Hab` eigenen Wagen und eigene Renner,
ich hab´ nicht bloss einen, hab´ viele Männer;
grün schillert mein Auge, mein Leib´ ist klar,
rot ist mein Haar! Rot ist mein Haar!
Madame Potiphar.
Mein Leben verfliesst in Saus und Braus,
bei Wein und erwähltesten Essen!
Des Tags und des Nachts geht´s ein und aus,
da duftet ein süsses Vergessen.
In Spitzen, in Seide, mit Perlen und Ringen,
wie kann ich plaudern und tanzen singen!
Und weiss auch sonst viele Dinge fürwahr!
Weich ist mein Haar! Weich ist mein Haar!
Madame Potiphar.
Ich quäle mich niemals mit Arbeit, o nein!
Das würde die Hände verderben!
Ich kenne viel Kniffe und Künste fein,
um blankes Geld zu erwerben.
Doch hab´ ich bisweilen auch Schmerzen und Sorgen:
Denn mancher will mir nichts schenken, nichts borgen!
Das macht mich so furchtbar nervös offenbar;
drum verlier´ ich das Haar! Verlier´ ich das Haar!
Madame Potiphar.
Ich schlafe auf seidenem Himmelbert,
und schneeigen Eiderdauen,
und wer mich dort sehen darf, nett und adrett,
dem schwinden die schärzesten Launen…
Doch schließlich verlass ich den stolzesten Grafen
und geh´ in ein winziges Bretterhaus schlafen
und biete der Mutter Erde mich dar
mit Haut und Haar! Mit Haut und Haar!
Madame Potiphar
Quelle
Gedicht aus dem Buch „Die Zehnte Muse – Dichtungen vom Brett´l dund fürs Brett´l“, von Maximilian Bern.
Verlag von Otto Elsner, Berlin, 1909
Bezugsmöglichkeit
Das Buch „Die Zehnte Muse, Maximilian Bern“ bei Booklooker erhältlich
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