Schlüsselblume – eine Erzählung von Gustav Schalk
Der Winter hielt die Erde lang verschlossen, so dass auch kein einziges Blümchen herauskommen konnte.
Endlich erschien der holde Frühling mit seinem goldenen Schlüssel. Er eilte von Wiese zu Wiese, von Wald zu Wald und erschloß die Erde und alle Gewässer. Aber auf seinen lustigen Streifereien verlor er den goldenen Schlüssel.
Das merkte der grimmige Winter gar bald, und er kam zurück mit seinem Schlüssel von Eis, schloß alle Gewässer wieder zu und blies seinen kalten odem über die Erde.
Wie erschraken da die Blümchen, die sich schon herausgewagt hatten, die zarten Schneeglöckchen und Veilchen, die Lederblümchen und Aurikelchen!
Und der arme Frühling selbst zitterte vor Kälte und rieb sich die roten Fingerspitzen.
Wie er nun überall nach dem verlorenen Schlüssel suchte, da begegnete er einem Blümchen, das stand hinter einem Schlehenstrauch und schaute trotz Frost und Wind ganz munter aus den klaren, gelben Äuglein.
„Komm mit und hilf mir suchen!“ sprach der Frühling. „Du hast so helle Augen.“
Und das Blümchen ging mit und lugte in alle Winkel und Ecken. Endlich sah es den goldenen Schlüssel aus dürrem Laube schimmern.
Da war der Frühling sehr froh und fragte das Blümchen mit den goldgelben Augen: „Hast du auch schon einen Namen?“
Es schüttelte verneinend die Glöckchen und schwieg. Da sprach der Frühling: „So sollst du zum Danke die Schlüsselblume heißen.“
entnommen:
Vor den Toren, Lesebuch für Rheinland-Pfalz, August Bagel Verlag Düsseldorf, 1952
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