Tischlein deck´ dich – [Online – lesen]

Tischlein deck´ dich ist ein Märchen von Ludwig Bechstein.

Einst lebte in einem kleinen Städtchen ein Schneider mit seiner Frau und drei Söhnen. Diese wurden sowohl von den Eltern als auch von sämtlichen Einwohnern des Städtchens nicht nach ihren Taufnamen genannt, sondern einfach nur der Lange, der Dicke, der Dumme. So folgten sie dem Alter nach aufeinander. Der Lange wurde Schreiner, der Dicke ein Müller, der Dumme ein Drechsler.
Als nun der Lange aus der Lehre kam, wurde er in die Fremde geschickt, und er zog wohlgemut zum Tore des Städtchens hinaus. Lange Zeit wanderte der Bursche von Ort zu Ort und konnte keine Arbeit bekommen. Da nun sein knappes Reisegeld zu Ende ging, wurde er traurig und ging mit hängendem Kopf langsam auf seinem Wege weiter. Dieser führte gerade durch einen stillen, schönen Wald, und wie der Bursche eine Strecke hinein war, begegnete ihm ein kleiner, etwas wohlbeleibter Mann, der ihn gar freundlich grüßte, stehen blieb und fragte:
„Na, Bürschlein, wo gehst du denn hin? Siehst ganz traurig aus, was fehlt dir denn?“ –
„Mir fehlt Arbeit“, sprach der Bursche treuherzig. „Ich bin schon lange gewandert und habe kein Geld mehr.“ –
„Was kannst du denn für ein Handwerk?“ forschte das Männlein weiter.
„Ich bin ein Schreiner.“
„Oh, so komm doch mit mir“, rief der Kleine fröhlich aus, „ich will dir Arbeit geben!“
Dem jungen Schreiner gefiel es ganz gut bei seinem Meister; er bekam nicht allzuviel zu tun, arbeitete fleißig und hielt sich auch sonst brav und ordentlich, so daß keine Klage über ihn geführt wurde. Doch nach etlichen Monaten sprach das alte Männlein: „Lieber Gesell, ich kann dich nun nicht länger brauchen, ich muß dir Feierabend geben. Und mit Geld kann ich dir deine Arbeiten auch nicht belohnen. Aber ich will dir ein schönes Andenken geben, das dir mehr helfen wird als Gold und Silber.“
Dabei reichte er ihm ein allerliebstes kleines Tischchen und sprach weiter: „So oft du dieses Tischlein hinstellst und dreimal sprichst: „Tischlein, deck dich“, so oft wird es dir alle Speisen und Getränke zum Mahle darbieten, die du nur wünschen magst. Und nun lebe wohl und gedenke in Treue deines alten Meisters.“
Ungern verließ der Geselle seine bisherige Arbeitsstätte, er nahm betrübt und froh zugleich das wundertätige Tischlein aus den Händen des Gebers und zog, noch vielmals danken, ab und lenkte seine Schritte der lieben Heimat zu.
Unterwegs bot ihm das Tischlein, so oft der Bursche die alte Zauberformel nur sprach, seine reichen Genüsse. Da standen im Nu die feinsten Gerichte, die edelsten Weine darauf, und alle Gefäße waren von Silber, und darunter glänzte das feinste schneeweiße Tuch. Natürlich hütete der Geselle sein „Tischlein deck dich“ sehr.
Bei seiner letzten Rast, ehe er heimkam, bat er seinen Wirt, es aufzuheben. Da er aber vorher nichts im Wirtshaus verzehrt, sondern sich mit seinem Tischlein eingeschlossen hatte, so hatte der Wirt ihn durch eine Ritze in der Brettertür belauscht und das Geheimnis des Tischleins entdeckt. Daher war er über alle Maßen froh, dass er das Tischlein in seine Verwahrung bekam, und freute sich mächtig über dessen herrliche Eigenschaft. Der schlaue Wirt versteckte daher das echte Tischlein und stellte ein ähnliches am andern Morgen dem Gesellen hin, der sich ohne Bedenken damit belud und nun fröhlich einer Heimat zueilte.
Mit Freude begrüßte der lange Schreiner daheim die Seinen und entdeckte sogleich seinem Vater die köstliche Bewandtnis, die es mit dem Tischchen habe. Der Vater zweifelte stark, der Sohn aber stellte es vor sich hin und sprach dreimal: „Tischlein, deck dich“ – aber es deckte sich nicht, und der ehrliche Schneidermeister sprach zu seinem Sohn: „Du dummer Hans, bis du darum in der Fremde gewesen, deinen alten Vater zu unzen? Geh, laß dich nicht auslachen!“
Der lange Schreiner war ganz ratlos, warum es nun auf einmal mit dem Tischchen nicht mehr gehen wollte, probierte noch allerlei, aber es deckte sich nicht wieder, und der Lange mußte wieder zum Hobel greifen und arbeiten, dass die Schwarte knackte.
Unterdessen war der dicke Müller auch aus der Lehre gekommen und wanderte fort in die Fremde. Und es fügte sich, dass dieser denselben Weg nahm, auch dasselbe kleine Männlein fand und von ihm in die Arbeit genommen wurde. Das Waldhaus war aber jetzt eine Mühle. Als der junge Müllergeselle eine Zeitlang brav, treu und fleiß gearbeitet hatte, schenkte ihm sein Meister zum Andenken einen schönen Esel und sprach: „So oft du zu diesem Eselein sprechen wirst: „Eselein, streck dich!“, so oft wird es dir Dukaten niesen.“
Fast öfter, als der Lange unterwegs gesprochen hatte: „Tischlein, deck dich“, sprach jetzt der Dicke: „Eselein, streck dich“, und da streckte sich´s und ließ Dukaten fallen, dass es rasselte und prasselte. Aber auch der Müllergeselle kam mit seinem Esel in die Herberge des betrügerischen und schlauen Wirtes, ließ auftafeln, lud ein, wer nur eingeladen sein wollte, und als der Wirt die Zeche forderte, sprach er: „Wartet ein wenig, ich will nur erst Geld holen.“
Er nahm das Tischtuch mit, ging in den Stall, breitete es über das Stroh, darauf der Esel stand, und sprach: „Eselein, streck dich!“ – Da streckte sich der Esel und nieste, und es klingelten Dukaten auf dem Tuche. Draußen aber stand der Wirt, sah durch ein Astloch in der Türe und merkte sich die Sache.
Am anderen Morgen stand zwar ein Esel da, aber nicht der rechte, und der Dicke, der keinen Betrug ahnte, setzte sich heiter darauf und ritt fort. Als er zu seinem Vater kam, verkündete er ihm sein Glück und sprach, als alle die Seinen froh verwundert den Esel umstanden: „Nun paßt auf!“ und zum Esel sich wendend: „Eselein, streck dich!“ Das fremde Eselein streckte sich zwar auch, aber was es fallen ließ, das waren keine Goldstücke. Der Dicke wurde von allen, denen er die Kunst des Esels hatte zeigen wollen, fürchterlich ausgelacht. Er schlug den Esel windelweich, schlug ihm aber trotzdem keine Dukate aus der Haut und mußte fortan wieder arbeiten und im Schweiße seines Angesichts sein Brot verdienen.
So war nun wieder ein Jahr verflossen, und auch der Dumme hatte eine Lehrzeit überstanden und zog als ein wackerer Drechsler in die Fremde. Mit Vorbedacht nahm er denselben Weg wie seine Brüder und wünschte sehr, bei jenem kleinen Männlein auch in Arbeit zu kommen, das in allen Fächern bewandert war und so schöne Sachen zu verschenken hatte. Richtig gelangte auch der Drechslergeselle in den besagten Wald, fand die einsame Wohnung des Männleins, und auch ihn nahm es als einen fleißigen Burschen gerne in Arbeit.
Nach etlichen Monaten hieß es jedoch wieder: „Lieber Gesell, ich kann dich nun nicht länger behalten, du hast Feierabend. Dein langer Bruder und dein dicker Bruder sind durch Dummheit um ihre Gaben gekommen. Doch nimm dieses schlichte Säcklein; es kann dir sehr nützlich werden. So oft du zu ihm sagst: „Knüppel aus dem Sack!“ – wird ein darin steckender wohlgedrehter Prügel herausfahren zu deinem Schutz, deiner Wehr und Hilfe, und dieser wird so lange prügeln, bis du gebietest: „Knüppel in den Sack!““
Der Drechsler bedankte sich schön und zog mit seinem Säcklein heimwärts. So kam er denn endlich bis an jene Herberge, wo der böse Wirt seine Brüder um das Ihrige betrogen hatte und jetzt herrlich und in Freuden lebte, aber noch immer darauf aus war, sich vom Gut der Reisenden etwas anzueignen. Beim Schlafengehen gab der Drechsler dem Wirt den Sack in Verwahrung und warnte ihn, er möge ja nicht zu dem Säckchen sagen: „Knüppel aus dem Sack!“, denn es könne einer wohl etwas davontragen, wenn er das sage.
Jedoch gefiel dem Wirt sein Tischlein und sein Eselein zu sehr, als dass er nicht auch einen dritten wundertuenden Gegenstand heimlich hätte wegfangen mögen. Er konnte kaum die Zeit erwarten, bis der Gast sich zur Ruhe gelegt hatte, um zu sprechen: „Knüppel aus dem Sack!“ und im Nu fuhr der Knüppel heraus und wirbelte wie ein Trommelschlägel auf des Wirtes Rücken, prügelte den Wirt dermaßen braun und blau, dass dieser jämmerliches Geschrei erhob und heulend den Drechslergesellen wachrief.
Dieser sagte: „Wirt, das geschieht dir recht! Ich warnte dich ja. Du hast meinen Brüdern das „Tischlein deck dich“ und das „Eselein streck dich“ gestohlen.“ Der Wirt kreischte: „Ach, helft mir nur um Gottes willen. Ich werde umgebracht! Ich will alles wieder herausgeben, das Tischlein und das Eselein!“
Jetzt gebot der Gesell: „Knüppel in den Sack!“, und da kroch das Prügelein im Nu wieder in den Sack. Und der Wirt war froh, dass er mit dem Leben davongekommen war und gab willig das Tischlein und das Eselein wieder heraus. Da packte der Drechsler einen Kram zusammen, lud sein Bündel und sich selbst auf en Esel und trabte dem Heimatstädtlein zu.
Das war keine geringe Freude bei den Brüdern, als sie die wertvollen Geschenke und Andenken wiedergewonnen sahen, die jetzt immer noch herrlich ihre Wunder taten wie vordem – wiedergewonnen durch den, den sie immer den Dummen gescholten hatten, und der doch klüger war als sie alle. Und die Brüder blieben zusammen bei den Eltern und hatten von nun an von allem, was man zum Leben bedarf, in Hülle und Fülle.

(Quelle: Meine schönsten Märchen, W. Fischer Verlag, Göttingen, ohne Jahr)


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