Über deinem Dach ist des Herren Dach

Über deinem Dach ist des Herren Dach – eine Erzählung von Jeremias Gotthelf.

An einem Sonntage in der Zeit der Ernte hat der Bauer oben im Emmental viel Korn draußen liegen gehabt. Als er nachmittags an den Bergen die Wolken gesehen und die nasse Brunnröhre, die ordentlich tropfte, da hat er das Gesinde zusammengerufen und gesagt: “Rasch hinaus, gehäufelt und gebunden, es wettert auf den Abend; bringen wir tausend Garben trocken ein, so gibt´s darnach Wein genug!” Das hat seine Großmutter gehört; die ist achtzig Jahre alt und geht an zwei Stecken; die ist mühsam dahergekommen und hat gesagt: “Johannes, Johannes, was denkst du auch? Solange ich mich zurückerinnern mag, ward hier am Sonntag nie eine Handvoll eingeführt, und meine Großmutter hat mir gesagt, sie wisse auch nichts davon, und doch sei immer Segen bei der Sache gewesen, und von Mangel habe man hier nichts gewußt. Und wenn es noch Not am Mann wäre, Johannes, ein naß Jahr! – Aber trocken war´s bis dahin und trocken wird es wieder werden, und Naßwerden schadet dem Korne nichts, und würde es ihm schaden, so hast du zu denken: “Der Herr, der das Korn gegeben, gibt auch den Regen`, und wie er´s gibt, hast du es anzunehmen. Johannes, tu es nicht, ich halte dich dringlich an!”
Das Gesinde ist umhergestanden; die Alten haben ernsthafte Gesichter gemacht, die Jungen gelacht und unter sich gesagt, das Altväterische sei abgetan, jetzt sei es eine neue Welt!
“Großmutter, habt nicht Kummer!” hat der Bauer gesagt. “Alles muß einmal zum erstenmal geschehen, und deretwegen ist´s nicht bös. Unserm Herrgott wird das nicht viel machen, ob wir heute schaffen oder schlafen, und ebenso lieb wird ihm das Korn unterm Dach als der Regen sein. Was drin ist, ist drin. Man braucht deswegen nicht Kummer zu haben; denn wie es morgen sein wird, weiß niemand!”
“Johannes, Johannes, drin und draußen ist die Sache des Herrn, und wie es diesen Abend sein wird, weist du nicht, aber das weißt, daß ich deine Großmutter bin und dich um Gottes Willen anhalte: laß dein Korn draußen! Ich will, wenn du es sonst nicht machen kannst, ein ganzes Jahr kein Brot mehr essen.”
“Mutter”, hat darauf Johannes gesagt, “deretwegen sollt Ihr nicht weniger Brot haben; aber eine Zeit ist nicht alle Zeit, es gibt alle Jahre neue Bräuche, und d´ Sach´ sucht man alle Tage besser zu machen!” – “Aber Johannes”, hat die Mutter gesagt, “die Gebote bleiben die alten, und kein Tüpflein wird daran vergehen, und hat du dein Korn unter dem Dache, was hilft es dir, wenn du Schaden leidest an deiner Seele?” “Für die kümmert Euch nicht, Mutter!” hat der Johannes gesagt, “und jetzt Buben, auf und gebunden, die Zeit wartet nicht!”
“Johannes, Johannes!” hat die Mutter gerufen; aber Johannes hörte nicht, und während die Mutter betete und weinte, führte Johannes Garben ein, Fuder um Fuder; mit Flügeln schienen Menschen und Tiere angetan. Tausend Garben waren unter ach, als die ersten Regentropfen fielen; schwer, als wären es Pfundsteine, fielen sie auf die dürren Schindeln.
“Jetzt Mutter”, sagte Johannes, mit seinen Leuten in die Stube tretend, “jetzt ist`s unter Dach, Mutter, und alles ist gutgegangen, mag es jetzt stürmen wie es will, und morgen schön oder bös Wetter sein, ich hab´s unter meinem Dach.” “Johannes, aber über deinem Dach ist des Herren Dach”, sagte die Mutter feierlich, aber wie sie das sagte, ward es hell in der Stube, daß man die Fliegen sah an der Wand, und ein Donner schmetterte übers Haus, als ob es mit einem Streich in millionenmalmillionen Splitter zerschlagen würde.
“Herrgot, es hat eingeschlagen”, rief der erste, der reden konnte. Alles stürzte zur Tür hinaus. in vollen Flamen stand das Haus, aus dem Dach heraus brannten bereits die eingeführten Garben. Wie stürzte alles durcheinander; wie vom Blitz geschlagen war jede Besonnenheit. Die alte Mutter allein behielt klare Besinnung; sie griff nach ihren beiden Stecken, sonst nach nichts, suchte die Tür und einen sicheren Platz und betete: “Was hülfe es dem menschen, wen er die ganze Welt gewönne, und litte Schaden an seiner Seele: Dein und nicht mein Wille geschehe, o Vater!”
Das Haus brannte ab bis auf den Boden, gerettet wurde nichts. Auf der Brandstätte stand der Bauer und sprach: “Ich hab´s unter meinem Dach. Aber über deinem Dach ist des herren Dach, hat die Mutter gesagt.” Und seit dieser Stunde sagte er nichts mehr als das: “Ich hab´s unter meinem Dach, aber über deinem Dach ist des Herren Dach, hat die Mutter geagt.”
Gar grausam soll das anzusehen sein.

entnommen:
Vor den Toren, Lesebuch für Rheinland-Pfalz, August Bagel Verlag Düsseldorf, 1952


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