Wie Eulenspiegel fliegen wollte

Eulenspiegel kam gen Magdeburg und beging da vielerlei Streiche. Er wurde von den besten Bürgern der Stadt aufgefordert, irgendeine Gaukelei auszuführen. Er sagte, er wolle von der Laube des Rathauses fliegen. Das Gerücht verbreitete sich bald in der ganzen Stadt, und alt und jung versammelten sich auf dem Markt, um zu sehen, wie er fliegen würde.
Eulenspiegel stand also auf der Laube vor dem Rathause, bewegte sich hin und her, fuchtelte mit den Armen, gebärdete sich, als wenn er fliegen wollte. Die Leute standen und sperrten die Augen und Mäuler auf und glaubten nichts anders, als dass er herabfliegen würde. Da konnte Eulenspiegel sich vor Lachen nicht länger halten und sprach: „Ich meinte, es ei außer mir kein Narr mehr auf er Welt, nun seh´ ich aber wohl, dass hier beinahe die ganze Stadt voller Narren ist. Und wenn ihr mir alle sagtet, dass ihr fliegen wolltet, ich glaubte es nicht, und ihr glaubt einem Narren. Wie sollte ich fliegen können? Ich bin doch keine Gans und habe keine Flügel, und ohne Flügel kann niemand fliegen.“
Damit lief er von der Laube und ließ das verblüffte Volk stehen, von dem ein Teil fluchte, der andere lachte. „Das ist ein Schalksnarr“, sprach sie, „aber er hat wahr geredet.“
(Volksgut)


Quelle: Vor den Toren, August Babel Verlag, Düsseldorf, 1952


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