Der Ehrentrunk

Der Ehrentrunk – Sage nach Ludwig Bechstein

Eine Schaar munterer Bauernburschen stieg an einem Sonntage zum Kyffhäuser empor und lagerte sich an einer Stelle, um sich an dem mitgenommenen Biere zu laben. Der gute Trank regte ihren Frohsinn mehr und mehr an und endlich rief einer seinen Kameraden zu: „Hört einmal; habt ihr nicht noch eine Flasche Bier? Wir wollen sie auf Kaiser Friedrichs Gesundheit leeren!” Wirklich fand sich noch ein voller Krug und sie führten nun den Vorschlag aus. Da stand plötzlich ein Zwerg mitten unter ihnen, der einen goldenen Becher in der einen und zwei Flaschen vorzüglichen Weines in der anderen Hand hielt; er schenkte ihnen ein und hieß sie trinken. Die Burschen tranken in heiterster Stimmung bis die Flaschen leer waren. Nun wollten sie sich unter herzlichem Danke von dem Zwerge verabschieden; da schenkte derselbe den goldenen Becher demjenigen, der den Einfall gehabt hatte, auch forderte der Zwerg sie auf, in jedem Jahre auf den nämlichen Tag und um dieselbe Stunde wiederzukommen, jedoch immer den Becher mitzubringen. Sie gingen aber nicht wieder auf den Berg, denn es war ihnen, als sie wieder nüchtern geworden, große Furcht angekommen. Der Empfänger des goldenen Bechers hat denselben aber der Kirche zu Tilleda geschenkt, die ihn noch besitzen soll.


Quelle: Deutscher Sagenschatz, herausgegeben von Dr. J. W. Otto Richter, Verlag von Otto Mähnert, Eisleben, 1877