Eine faule Grille sang einen ganzen sommerlang
und war immer ohne Sorgen für den andern Morgen.
Weil der Sommer Nahrung hat, wurde sie auch täglich satt.
Aber als der Winter kam und der Flur das Leben nahm,
da trieb sie der unge hin zu der Ämse: – „Nachbarin,
ich bin hungrig, gib mir doch ein klein wenig nur zu leben!
Deine Kammer hat ja noch großen Vorrag, und ich will
alles gern dir wiedergeben mit den Zinsen im April.“
„Schwesterchen, wie brachtest du deine Zeit im Sommer zu?“
„Nachbrin, du weißt´s ja wohl! Ich, die Schwester vom Apoll,
sang beständig; hast du mich nicht vernommen? Und konnt´ ich,
Schwesterchen, was Bessers tun?“ – „Grillchen, nein! Doch tanze nun!“
Gedicht von Ludwig Gleim (1719 – 1803)
(Quelle: Uralte Weisheit – Fabeln aus aller Welt, Deutscher Sparkassen- und Giroverband e.V., Bonn, ohne Jahr)
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