Großmutter Käthi´s Märlein, das sie ihrem Sohn erzählt

Großmutter Käthi´s Märlein, das sie ihrem Sohn erzählt ist ein Märchen von Jeremias Gotthelf.

Gott der Herr liebte die Menschen und verließ sie nie ganz, wenn sie auch böse wurden. Einmal, als der liebe Gott die Engel im Himmel brauchte, und der Heiland ebenfalls noch nicht Zeit hatte, auf die Welt zu kommen, a wollte der liebe Gott, dass die Menschen doch nicht verlassen wären; denn der Mensch ist gar ein arm Wesen und nichts für sich allein.
Tief unten im Boden, viel tiefer als der längste Kirchturm auf Erden oder im Himmel, leben kleine, kleine Leutchen, die größten wie mein Daumen, die kleinsten wie dein klein Fingerchen. Sie leben in unsers Herrgotts unterirdischen Kammern, sind gar gute Leute, lieben den Frieden und was sonst schön und herrlich ist. Sie kochen unserm Herrgott die Diamanten und Edelsteine, sie sondern vom groben Gestein die edlen Metalle, tragen jedes an seinen Ort und weben die Blümlein und bereiten den himmlischen Tau. Es ist ein gar zahlreich Völklein, sie haben einen König und eine Königin, die tragen die herrlichsten Krönlein auf ihren Häuptern; aus einem Karfunkelsteine ist des Königs Krone, aus einem Diamanten die der Königin, und das leuchtet und glänzt in ihren Kammern so herrlich und schön, als ob die Sonne scheine für und für. Aber unterirdisch ist immer unterirdisch; da leuchten die himmlischen Sterne nicht; da sind schreckliche Schlangen und Drachen, welche Gott gebannt hat und gefesselt in schauerlichen Höhlen, und das Gebrüll tönt bis in die Kammern der guten Leutchen; da wohnen böse Geister, welche Schätze hüten und zu Zeiten wiederkommen müssen, die einen zu plagen, die andern zu warnen. Bis eben nun einmal der liebe Gott viel zu schaffen hatte im Himmel und doch die Menschen nicht ganz ohne Hilfe und Hüter wollte sein lassen, sandte er den Engel Gabriel zu den Leutchen und ließ ihnen sagen, sie sollten sich aufmachen auf die Erde hinauf und da den Menschen helfen und sie hüten. Sie machten sich bald ans Werk und gruben Gänge hinauf auf die Erde, gar sicher und schnell; denn sie sind Bergleute von Natur und wissen umzugehen mit den Steinen gar wunderbar und mächtig. Als sie auf die Erde kamen zum ersten Male, ward ihnen fast übel in der frischen, kühlen Luft. Aber bald gefiel e ihnen gar wohl hier oben unterm Himmel, wo die Sterne scheinen und der Mond wandelt durch den Himmel. Die Sonne war ihnen zu hell und heiß, und mußten sie am Tage auf Erden sein, so hausten sie in Kellern oder im dunkelsten Waldesschatten. Aber in schönen Nächten, waren im Sternenglanz und Mondeslicht die Erde silbern schimmert, und leise, warme Winde wehen, dann macht das liebe Völklein sich auf, voran Spielleute, welche auf goldenen Flöten und Schalmeien gar herrlich spielten; dann kommen der König und die Königin, ihre Krone auf dem Köpflein, die rot und weiß gar wunderbar erglänzen durch die Nacht, und hinterdrein in unabsehbaren Reihen des Völkleins ungezählte Scharen. Wo die Blumen am süßesten duften, die Quelle am reinsten rieselt, der Wiesengrund am lieblichsten und zärtlichsten sich lehnt an den dunklen Waldessaum, da schlingen sie ihre Reihen und tanzen in fröhlicher Lust in der klaren Luft, bis der Hahn kräht, und einzelne Lichtstrahlen, Vorreiter der Sonne, in der Luft erzittern; dann ordnen sie sich wieder in langen Reihen, und wer nicht auf Erden Arbeit hat, zieht unter hellem Spiel, voran der König und die Königin, hinunter in die untere Welt.
Wenn es aber Winter war, weiß die Erde, kalt die Luft, und sie hatten eine große Freude, welche sie gerne gefeiert hätten so recht von Herzensgrund, eine Hochzeit, eine Taufe oder sonst was Schönes, da suchten sie sich ein fromm vornehm Haus, wo schöner Platz war und doch ein ehrbar Wesen. Dort hauchten, wenn der Abend kam, Gesandte des Völkleins die Bewohner mit süßem Schlafe an, ordneten dann und säuberten den Platz; dann kam Hause um Hause der Leutchen mit goldenem Geschirre, mit demantenen Bechern und Näpflein, gar so klein alles und doch so herrlich und schön. Wenn alles geordnet war, kamen der König und die Königin mit den Spielleuten, den kleinen Hochzeitsleuten und allen andern, und bankettierten da die ganze Nacht in großer Lust und Freude, bis der Hahn krähte. Dann legten sie schöne Geschenke, kleine niedliche Geräte aus Gold oder Edelstein auf die Betten der schlafenden Bewohner, und am morgen, wenn sie erwachten, fanden sie dann die herrlichen Sachen; daran merkten sie, wer da gewesen, und freuten sich sehr. Was aber das Allerbeste und Köstlichste war, das war, dass solche Häuser von den guten Leuten absonderlich bewacht und behütet wurden, weit mehr als alle andern. Sie hüteten die Kinder und das Vieh; kein Kind fiel in einen Bach, keins vom Baume; kein Vieh wurde verhext im Stalle, an der Milch oder am Fleisch. Sie verscheuchten die Wölfe, reinigten von giftigen Kräutern die Wiesen, bewahrten die Häuser vor Feuer, die Felder vor Wasser, schafften viel für Fleißige; wenn diese am Morgen an die Arbeit wollten, war sie gemacht; treue Knechte fanden Tannen und Buchen gefällt, welche an gefährlichen Orten standen; treuen Mädchen ward die Milch nie sauer in ihren Milchgeschirren; arme Weiber fanden Bürden Holz vor den Fenstern, und armen Vätern trugen sie Heu zum Stalle von den steilen Felsbergen.
Aber wenn Erwachsene sie belauschten, duldeten sie es nicht, und gar manch vorwitzig Knechtlein fand man mit umgedrohten Kopfe. Sonst hatten sie große Freude auf der Erde; das Arbeiten unter dem Himmel war ihnen viel lieber, als das Arbeiten unter der Erde; nur Zank und Streit, Geiz und Unbarmherzigkeit mochten sie nicht leiden, und wo so was in einem Hause einriß, da verließen sie es und kehrten nimmer wieder. Darum ward nach und nach Haus um Haus, Schloß um Schloß verlassn, und weil sie nimmer wiederkehrten, wurden die Häuser, wo sie ihre Banketts hielten und absonderlich sie hüteten, immer seltener, bis ihnen endlich hier in weiter Umgegend ein einziges blieb, eines reichen Bauern Haus auf dem Brittenwalde. Damals stand dort ein einzig Haus, und der Bauer auf dem Brittenwalde war reich wie Salomo; seine Wälder, Feldern und Matten waren ungemesen und ungezählt, und Knechte und Mägde hatte er fast wie Abraham. Es waren grausam gute Leute, die Bauern auf dem Brittenwalde, so lange man wußte; sie lebten in der Eintracht, und ohne Trost verließ kein Mensch das Haus, und wer den Brittenwald erreichen konnte in not, Winter oder Krankheit, der brauchte nicht mehr sich zu kümmern, bis Not und Winter und Krankheit vorüber waren, und wenn es aus war mit ihm, konnte er auf einem ruhigen Plätzlein in der Wärme sterben.
So war´s gegangen seit Menschengedenken, und der Leutchen liebstes Haus blieb es, und sie hüteten sorglich auch das einzige Söhnlein von dem Brittenwaldbauer, unter welchen sie das Haus verlassen mußten. Derselbe und sein Weib waren auch Leute von der alten Art, und ihr Söhnlein war ein gar gut Kind und gehorchte den Eltern und war darum auch gar schön, groß und stark. Nun gewann derselbe ein Mädchen gar lieb und wollte es heiraten. Das Mädchen war auch schön, hatte himmelblaue Augen, die Haare gelb wie Gold und zart wie Flachs; aber es war nur eines Knechtes Tochter und arm. Drüben über der Emme wohnte eine gar erschrecklich reiche Bauerntochter, diese gefiel den beiden Alten absonderlich und viel besser, als das arme Mädchen, und waren streng hinter dem Sohne, dass er sich hinter die reiche Tochter mache. Der Sohn wollte die Eltern nicht traurig machen; er heiratete die Reiche, ließ die Arme. Dem schönen Kinde brach das Herz. Erst weinte es, bis seine Augen schwarz wurden wie die Nacht, und grämte sich, dass seine Haare weiß wurden wie frisch gefallener Schnee; dann starb es. Die Reiche zog ins Haus, und nun erfuhren erst die Alten, dass nicht alle Reichen gut sind, und das Reich und Reich nicht immer Gleich und Gleich ist. In der Reichen steckten zwei Teufel. Die beiden Teufel hießen der Hochmutsteufel und der Geizteufel, und wo diese beiden sich zu rühren anfangen, Schwanz und Hörner ihnen wachsen, da geht es gar grob und unmanierlich zu, und es wird den Leuten übel dabei. Nach und nach sahen die alten Leute mit Grauen, wie die Schwiegertochter die armen Leute verachtete, sie für zu schlecht hielt für gute Worte und immer mehr auch für gute Gaben, und wie sie einen Kopf bekam, wie der Hahn einen Kamm, so rot, kühn und trotzig, und herumschoß den Arbeitern nach, wie die Schwalben den Mücken. sie taten das möglichste mit Geduld und Sanftmut, die junge Frau ins altertümliche Geleise zu bringen und die alte Hausart und Sitte ihr beizubringen; aber mit Sanftmut und Geduld bändigt man bekanntlich zwei Teufel, den Hochmutsteufel und den Geizteufel, in einer Schwiegertochter nicht.
Auch der Sohn sah das Unglück und besser noch, als die Alten; denn gegen ihn ließ sie absonderlich ihre wachsende Teufel los. Er versuchte, ihr dieselben mit guten Worten und schönen Sprüchen aus dem Leibe zu jagen; aber er fand die rechten nicht, die Teufel wuchsen alle Tage mehr, und die schönen Sprüche schienen für sie zu sein, was Hafer für die Rosse.
Die junge Frau hatte alle Tage größern Zorn im Herzen über die alten Leute und ihren Mann; alle Tage wuchs der Widerwille gegen die alte Hausordnung, und alle Tage glühte heißer der Vorsatz, dem alten dummen Wesen ein Ende zu machen und ein neues einzuführen nach ihrem Sinn und wie es recht sei und Brauch sein sollte. Sie sah in nichts mehr Heil, als dass es anders werde, und daran, dass sie das Techteste wolle und das Beste, kam ihr kein Zweifel. Alle Tage blitze es mehr und mehr um sie herum, so wie es auch wettert an den Bergen herum oder sonst von weitem, bis das rechte Wetter kommt und über unsern Köpfen losbricht. Die alten Leute fühlten alle Tage bitterer die Reue; aber ungeschehn macht man kein geschehen Ding, gebrochene Herzen nicht mehr ganz und tote Leute nicht mehr lebendig. Die Reiche, die da herumschoß im Hause, wie eine Wespe an den Fenstern, konnten sie nicht mehr austauschen gegen das arme Mädchen, welches nun ruhig im Grabe lag.
So ging´s eine Weile, da kam ein heißer Erntetag, und der letzte dazu; die letzten Garben und zwar viele, viele Fuder sollten des sonnigen Wetters wegen eingefahren werden. Das war von je ein großer Festtag auf dem Brittenwalde, für den eigens geschlachtet ward, mancher Malter Korn in die Mühle wanderte, als weißes Mehl zurückkehrte und mehr als ein Zentner Butter zum Kuchenbacken harrte. Der Arbeiten waren viel auf dem Hofe zumeist waren ihre Familien groß, Scharen von Ährenlesern deckten die weiten Felder. Alte, Lahme, Blinde trabten daher, alle wußten, dass an diesem Tage niemand ungesättigt den Brittenwald verließ. Darum, wenn es auch heiß war auf dem Acker, so war es doch ohne Vergleich heißer noch in der Küche, wo während zweier Tage das Feuer nicht ausging, um das Gehörige zu backen und zu kochen, damit niemand ungesättigt den Hof verlasse, und Greis und Kind diesen Tag und den Brittenwald lobe und preise, und noch mancher Kranke daheim und manches Mütterchen, deren Füße es nicht mehr trugen, und denen Gaben und Labung ins Haus geschickt wurden. Sie hatten´s, und sie gönnten´s.
Das war ein Tag, an welchem die Erdmännchen sehr große Freude hatten, aber auch große Arbeit. Sie hatten Freude am Fleiße der Arbeiter, an der Guttätigkeit des Bauern und seiner Frau, an den glücklichen Gesichtern derer, die gaben und derer, die nahmen. Sie hatten große Arbeit, alle Störungen zu vermeiden, und in der Hitze der Arbeit die Ordnung und die nötige Sanftmut zu bewahren überall.
Sie wehrten auf dem Acker den Rossen die Bremsen, damit die Rosse nicht wild würden, dämpften des Feuers Wildheit und Tücke, damit die Butter nicht zornig werde und sich in das Feuer stürzte; sie schafften neue Butter in die Kübel, damit diese nicht leer würden; sie hüteten aber auch das Geschirr der Rosse, das Werkzeug allzumal, sie hüteten alles, und vorab der Menschen Gemüter. Darum hatte seit Menschengedenken an diesem Tage kein Unfall auf dem Brittenwalde sich ereignet, kein Streit entzweite diesen Tag, es war immer der glücklichste Tag auf dem Brittenwalde.
Aber diesmal war der Tag da, wo es anders werden sollte; der jungen Frau ward die Butter heiß, welche ins Feuer lief und das Feuer ins Dach brachte, und die Erdmännchen aus dem Hause. in stummem Zorn hatte sie schon lange von dem Erntetage reden hören und gesehen, wie die Leute sich darauf freuten, sie wußte nicht, warum? Als sie nun eine Kuh schlachteten und zwei Schafe, die Körbe des dürren Fleisches sah, welches gekocht werden, die Körbe voll Eier, die Kübel voll Butter, die Säcke voll Mehl, welche verbacken werden sollten, alles für einen Tag, sah, wie e wimmelte auf dem Acker, wie es schlich und lief von allen Seiten dem Hause zu, da wuchsen Zorn und Angst in ihrem Herzen gewaltig. Angst kriegte sie, sie käme um Hab und Gut; sie hatte nie erfahren, wie solche Güte durch großern Fleiß und größere Treue reich vergolten wird; Zorn, dass man für solche Menschen solche Mühe habe, und schaffen müsse für sie, und schwitzen ärger, als Knechte und Mägde für ihre Herren. Und je heißer es ward in der Küche, desto heißer ward ihr Blut, und je stärker die Butter brodelte in der Pfanne, desto wilder kochte der Zorn im Gestirne. Bös wurden ihre Augen, scharf ihre Worte, und polternd flog das Geschirr aus ihren Händen auf Tischen und Bänken herum. Die Erdmännchen, welche unsichtbar in der Küche wachten und schalteten, erschraken und flohen, und alsbald zeigte es sich, wie es fehle an der üblichen Hut: Schüsseln brachen, aus den Vorräten wich der Segen, Feuer und Butter waren nur mit der größten Mühe auseinander zu halten, und immer heißer und immer ungestümer ging es zu in der Küche; im ganzen Hause herum lärmte und polterte es. Auf dem Acker gings, wie üblich; die Rosse standen, die Arbeit ging lustig von der Hand, grad auf luden sich die Garben, kein Rad brach oder sank ein, kein Strick und kein Riemen riß. Aber als der erste Wagen in die Einfahrt lenkte, stürzte er um; denn da waren keine Erdmännchen mehr, welche die Pferde in die gehrige Runde führten, die Räter hüteten vor dem großen Abreißsteine. Ein umgeworfener Wagen in der Einfahrt, welcher nicht zu umfahren ist, bringt große Säumnis, und wenn dazu noch zornige Wolken auf die Berge sich stellen, wenn es wetterleuchtet in der Ferne, allmählich dumpf donnert, und viele Garben gebunden im Felde liegen, dann kommt eine unheimliche Hast über den Menschen, er stolpert über die eigenen Beine und meint, sein Nachbar habe ihm einen Knittel dazwischen geworfen. Endlich, ehe noch das Wetter losbrach, aber spät und unmutig sammelten sich die Arbeiter im Hause, unmutig saßen Ährenleser und Dürftige, denen die gewohnten Gaben noch nicht verabreicht waren, ums Haus. Doch war man drinnen noch nicht fertig; die angetriebenen Mägde stolperten über die Schwellen, zerbrochene Näpfe flogen in der Stube herum, Fleisch wälzte sich unterm Tische; immer lauter ward das Schelten in der Küche, glühender züngelten am schwarzen Himmel die Blitze, und lauter begann es zu donnern.
Den alten Leuten und ihrem Sohne ward es bang und schwer ums Herz, unheimlich; denn so war es nie gewesen seit Menschengedenken. Sie gingen von einem zum anderen, sühnten und sänftigten mit freundlichen Worten, trugen den draußen Vergessenen Gaben zu. Sie wollten mit Liebe und Güte sühnen die Schuld und ihre Folgen, welche sie ahnten.
Der Sohn war der Mundschenk, trug den Wein herbei in großen Flaschen und zählte sie nicht, schenkte ein, und je mehr man trank, desto mehr freute es ihn, dass alles war wie üblich. Aber was nicht üblich war: es tranken alle bösen Wein, und allenthalben züngelte der Zorn hervor, die Flamme des Streites schlug auf, wenn auch nur auf Augenblicke; wie Öl nicht gut tut im Feuer, so Wein nicht in entbrannten Herzen.
Als die junge Frau, deren Kopf glühte wie eine seit drei Tagen über dem Feuer gestandene Kuchenpfanne, sah, wie der Mann nach Wein rannte und einschenkte, wie das Essen verschwand, Schüsseln und Teller brachen, da zersprengte der Zorn ihr Herz, und wie aus einem geborstenen Dampfkessel das siedende Wasser über die Reisenden sich vergießt, so fuhr nun ihr Zorn über die Essenden und Trinkenden. Das sei ein teurer Tag für eine schlechte Ernte und viel Essen für eine schlechte Arbeit; mehr Aufwand und nichtsnütziges Volk hätte sie nie an einem Erntetage gesehen. Lieb wär´s ihr, sie ließen ihr wenigstens die Schüsseln ganz, und drin noch etwas übrig für den nächsten Tag, sonst wolle sie rechnen mit ihnen ein für allemal.
“Frau”, sagte ein Graubart, “seit siebenzig Jahren bin ich an dem Erntetage auf dem Hofe, sie hatten´s und gönnten´s. Wie sie gaben, so geschah, was wir ihnen wünschten; sie hatten nie desto weniger, sondern alle Jahre mehr; denn alles ging in Frieden und hatte den Segen, sie gönnten es uns und wir ihnen. Heute geht es anders, und an dir liegt´s. O Frau, bedenke, halte uns weder Arbeit vor noch Essen, laß dich Gutes nicht reuen und meide Zank; sonst, o Frau, treibst du mit deiner neuen Mode den alten Segen aus!”
Da schwur die Frau: dem alten Segen frage sie nichts nach, wenn sie neue Arbeiter hätte. Siebzehn hätten heute gemäht in der Mate, und was sie abgehauen, fresse eine Kuh in einem halben Tage, und was sie heute verzehrt und zerschlagen hätten, sei mehr, als aller Segen in zehn Jahren gutmachen könne. Was du sagt, weißt du nicht. Was es ist, durch Wurmerde mähen, kennst du nicht, und was der Segen Gottes ist, hast du nier erfahren; darum schweige, schweige wenigstens in dieser Nacht! Wie nahe dir Gott ist, weißt du nicht.” Da schlug die Frau auf den Tisch, dass die Flaschen zitterten, die Gläser aufsprangen, riß den schäumenden Mund auseinander; aber ehe diesem ein laut entfahren war, füllte ein Lichtstrom die Stube, und ein Donner prasselte, als ob der Himmel gläsern gewesen und in Millionen Scherben zersprungen wäre. Geblendet, betäubt waren sie alle, stille wie im Grabe ward es einen Augenblick; dann rasselte das Feuer über alle Balken, an allen Wänden auf; zur Türe stürzte, wer seiner Sinne mächtig war. Der Greis trat hinter dem Tische hervor, ihm wars gewesen, als fahre der Blitz zwischen ihm und der Frau herab; er sah sie nicht, suchte sie am Boden, fand sie nicht, und gefunden ward sie nimmer. Die alten Leute und der Sohn waren nicht im Hause gewesen. Als die junge Frau in die Stube stürzte, hatten sie Geld in die Tasche genommen, waren in die Küche gegangen, hatten zusammengerafft an eßbaren Sachen, was sie noch finden, hatten alles hinausgetragen und gelabet und beschenkt, wen sie draußen noch fanden. Dann setzten sie sich an den Zaun, weinten beide bitterlich, und ob´s auch immer wilder wetterte und donnerte, mochten sie doch nicht ins Haus.
Da hörten sie hinter sich ihren Namen, und als sie aufsahen, sahen sie niemand. Aber auf den beiden Zaunpfählen über ihnen glänzte es wie zwei Sterne, und als sie genau hinsahen, waren auf den Zaunpfählen zwei Erdmännchen, von denen sie von Kindesbeinen auf gehört und keines je gesehen. Diese waren ungefähr einen Daumen hoch und hatten Krönlein auf den Köpfen; denn es waren der König und die Königin, und die Krönlein waren es, welche leuchteten in der Nacht.
Der König mit der roten Krone sprach ganz fein, und dass es ihnen doch durch Mark und Bein ging: “Lebt wohl, wir müssen scheiden! Durch manches Geschlecht gingen wir in diesem Hause aus und ein, uns war es lieb und dem Hause zum Segen. Ihr habt einen Geist ins Haus gebracht, der vertreibt uns; wir ziehen aus mit Leid und Schmerz und kehren nimmer wieder.” “Lebt wohl”, sprach darauf die Königin mit dem weißen Krönlein, “ihr habt uns weh getan, doch eher noch euch selbst; aber ohne Andenken wollen wir nicht scheiden. Gar mühsam ward oft das Mähen dem armen Arbeiter, der nicht viel Kräfte hatte, dieweil so viel Wurmerde in der Matte war. Von dieser Stunde an soll zu Nutz und Frommen von Bauer und Knecht, so lange auf dem Brittenwalde gemäht wird, keine Wurmerde daselbst zu finden sein.” Das waren ihre letzten Worte, darauf verschwanden sie, und wie sie verschwunden waren, fuhr der Blitz vom Himmel, das Haus stand in Feuer, fiel in Graus und Asche; aber auch Wurmerde war keine mehr in der Matte, und ward keine mehr gefunden auf dem Brittenwalde bis auf den heutigen Tag.
Aber die Erdmännchen trauerten gar sehr, dass sie jetzt kein Haus mehr hatten, wo sie einkehren konnten, und keine Menschen, welchen sie Gutes tun konnten; denn dieses war ihnen gar lieb geworden, und sie hatten keinen Mut mehr in den unterirdischen Gewölben, und was sie da arbeiteten, bekam Flecken und war ohn Glanz und Schönheit. Da erbarmte sich der liebe Gott der Erdmännhen und schickte ihnen wieder den Gabriel, den Engel nämlich, und ließ ihnen sagen, sie sollten Stäudchen und Blümlein flechten, welche süße Beeren trügen; sollten, wenn die Sonne steige, der Schnee weiche, in lauen Nächten diese planzen in Busch und Wald; dann gute, fleißige Leute, fried- und folgsame Kinder locken, sie zu pflügen zur eigenen Labung oder zum Verkauf, hungrige Vöglein locken zu den Sträuchern zur süßen Nahrung.
Das freute nun die Erdmännchen sehr, sie bekamen neuen Mut, und was sie arbeiteten, hatte wieder den alten Glanz, und als der Frühling kam, zogen sie in großen Reihen in Busch und Wald, pflanzten die zarten Sträucher und tanzten lustig in den Wiesengründen, wenn Mond- und Sternenglanz die Erde versilberten. Im Sommer bergen sie sich im kühlen Waldesschatten, locken und lauschen, freuen sich der hungrigen Vöglein, der guten Kinder, der armen Leute, welche kommen, den Hunger zu stillen oder Beeren zu sammeln, um Brot zu kaufen. Wenn sie nun in warmen, hellen Nächten die Sträuchlein gepflanzt, das Erntefeld für die armen Leute bereitet haben, so ziehen sie hinauf auf eine Nahe Wiese oder in einen Baumgarten und schlingen da ihre Reihen, bis die Sterne bleich werden, der Morgenwind in den Blättern lispelt; dann ziehen sie hinunter in ihren unterirdischen Palast. Wo sie einmal getanzt, da tanzen sie alle Frühlinge wieder. Im jungen Grase sieht man die Ringe rund und ineinander geschlungen, wo sie getanzt haben und freut sich, dass sie dagewesen, und hofft auf viele Beeren.


Quelle: Neuche Dichtermärchen, Münchener Jugendschriften 33, Verlag Butzon Bercker, Kevelaer, ohne Jahr