Wie man aus Barmherzigkeit rasiert wird – eine Erzählung von Johann Peter Hebel
In eine Barbierstube kommt ein armer Mann mit einem starken, schwarzen Bart, und statt eines Stücklein Brotes bittet er, der Meister soll so gut sein und ihm den Bart abnehmen um Gottes willen, daß er doch auch wieder aussehe wie ein Christ. Der Meister nimmt das schlechteste Messer, was er hat, denn er dachte: „Was soll ich ein gutes daran stumpf hacken für nichts und wieder nichts?“ Während er an dem armen Tropf hackt und schabt, und er darf nichts sagen, weil es ihm der Schinder umsonst tut, heult der Hund auf dem Hof. Der Meister sagt: „Was fehlt dem Mopper, daß er so winselt und heult?“ Der Christoph sagt: „Jch weiß nicht.“ Der Hans Frieder sagt: „Jch weiß auch nicht.“ Der arme Mann unter dem Messer aber sagt: „Er wird vermutlich auch um Gottes willen barbiert, wie ich.“
(Quelle: Schätzkästlein des Rheinischen Hausfreundes, American Book Company, 1913)
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