Der geduldige Mann – Erzählung von Johann Peter Hebel
Ein Mann, der eines Nachmittags müde nach Hause kam, hätte gern ein Stück Butterbrot mit Schnittlauch darauf gegessen, oder etwas von einem geräucherten Bug. Aber die Frau, die im Haus ziemlich der Meister war und in der Küche ganz, hatte den Schlüssel zum Küchenkästlein in der Tasche und war bei einer Freundin auf Besuch. Er schickte daher die Magd und den Knecht, eins um das andere, die Frau soll heimkommen oder den Schlüssel schicken. Sie sagte allemal: „Jch komm‘ gleich, er soll nur ein wenig warten.“ Als ihm aber die Geduld immer näher zusammenging und der Hunger immer weiter auseinander, trägt er und der Knecht das verschlossene Küchenkästlein in das Haus der Freundin, wo seine Frau zum Besuch war, und sagte zu seiner Frau: „Frau, sei so gut und schließ mir das Kästlein auf, daß ich etwas zum Abendessen nehmen kann, sonst halt‘ ich’s nimmer aus.“ Also lachte die Frau und schnitt ihm ein Stücklein Brot herab und etwas vom Bug.
(Quelle: Schätzkästlein des Rheinischen Hausfreundes, American Book Company, 1913)
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