Patria – Kapitel 6 – [Online – lesen]

Patria

Patria – Kapitel 6

„Wie können Sie Ihre – um wenig zu sagen – kühne Behauptung beweisen?“ fragte Dr. Calven jetzt schneidend. Hier schien sich endlich ein Riß in der Wissenschaftlichkeit seines Opfers zu öffnen, wo man einsetzen und den gesamten frechen, jungen Tempel brechen konnte. Und es war höchste Zeit. Noch eine Viertelstunde, und in Trümmern mußte er lieben. Jeder akademische Zuhörer fühlte denn auch ohne weiteres die blutige Bedeutung des Augenblickes heraus.
„Kato“, versetzte Kenty, „hat immer die Tugend im Munde geführt. In seinen Reden liest man in jeder Zeilt Virtus und Probitas. Und doch berichtet schon Gallust, dass er gewuchert habe, und Terenz und Catull spotten über seine Steckköpfigkeit. Er schaute so recht konservativ und geizig immer rückwärts. Wenn er von Freiheit sprach, spielte er Theater. Cäsar dachte viel freier und siegte daru, wie immer die freier Deneknden siegen. Das ist Weltlauf..“
Der Rektor hustete, Emmet hätte am liebsten in die Hände geklatscht.
„Dass in Cäsar ein freierer Geist siegte, ein demokratischerer, das überwand dieser ale Kauz nicht. Er tötete sich bei Utika. Das kostete dazu weder Arzt noch Apotheker!“…
Es säuselte und bräuselte durch den Saal. Der irische Humor!
„Machen Sie keine Witze! Das ist eine sehr ernste Stunde, Herr Kandidat!“ zirpte Dr. Calven mit einer unnatürlich dünnen, hohen Stimme.
„Es ist mir ernst, sehr ehrenwerter Herr Doktor Calven, – Kato war ein großer Geizhals und besaß keine Nächstenliebe. Aber ohne Liebe gibt es keine wahren Helden. Tacitus, aus dem ich das alles entnehme, sagt klar, wie Kato die Sklaven gleich Hölzern oder Steinklumpen behandelte, als ob es zweierlei Menschen oder eigentlich nur eine Art, die regierenden Menschen, gäbe. – Und von der Peitsche ging er weg und schrieb weiter über die Virus und die Probitas! – Herr Professor, ich behaupte, Kato war der erste große Scheinheilige der Kulturzeit.“
Das wirkte großartig. Fast alle Zuhörer nickten und glaubten ihm, der Rektor hustete nachdrücklicher, Dr. Calven biß sich mit den übrigen Stockzähnen in die Zunge vor Verdruß. Er hatte eine Schlappe – das war offenbar!
„Das ist Ihre persönliche Meinung“, gewann er endlich die Rede, „aber es hält ja schon für ergraute, belesene Historiker schwer, aus dem Wust der Jahrhunderte einen Mann rein herauszuschälen. Mein Sohn, wie erst für einen jugendlichen Feuerbrand! Gehen wir darum sogleich ins Mittelalter hinauf.“
Mit diesem verzweifelt frechen und rohen Rank zwang er seinen Prüfling in die düsteren Schwaden der Völkerwanderung, dann durch das Heldenleben des Richard Löwenherz und in die goldreichen Züge nach dem entdeckten Kontinent im Westen. Allein überall war Zac Kenty daheim, unter fränkischen Eichen, gallischen Pappeln, italischen Oliven, im Fjiord und in den schottischen Klanschaften. Er schüttelte sozusagen das gesamte Mittelalter seinem Kopf, wie ein kräftiger Bauer mit wenigem Schütteln einen überreifen Obstbum auf den Rasen leert. Da liegt´s, kommt und eßt!
Da und dort im Gästevolk hieß es: „Der sollte unsere Geschichte schreiben, ha, das gäbe ein Werk!“
Vielmehr eine Bibliothek!
Eine Welt von Büchern!
So steigert und überbietet sich die rasche irische Bewunderung.
Dr. Calven zerrte nun seinen Schüler in die Neuzeit, in diese verfänglichen und heiklen Jahrhunderte des Glaubensstreites.. Aber Kenty müßte kein Kentreyer sein. Über sie geht das herum, sie seien so schlau wie eine Katze und eine Maus zusammen. Der Bursche witterte die Gefahr. Und so oft nun Dr. Calven ihn mit einer Frage aus der Gemütlichkeit des Mittelalters reißen wollte, sprang der Kentreyer mit einem verschmitzen Seitensprung wieder hinein. Calven konnte die neuzeitlichen Thesen aufgeben, der erfinderische Spitzbube wußte sie immer sogleich nach der Abendseite zu kehren, die ins Mittelalter schaut. Denn alle Dinge, auch die neuesten, blicken mit einer Seite, und zwar stets mit der hinteren, irgendwie ins Mittelalter zurück.
Doch Kenty war kein ungerader Kerl. Ab und zu verschmähte er großartig die Ausflucht hinter den achten Heinz und den eisernen Wilhelm zu nehmen. Dann packte er die Frage gleich bei den tückischen Hörnern, aber drehte und streichelte sie nun in eine so harmlose Figur um, beschnitt ihr so geschickt die Klauen und Zacken und machte sie so glatt und unschuldig, dass eigentlich nur noch ein Puppenkopf zu bewältigen blieb. O, es war ein Genuß, dieses kostbare Fangspiel zwischen Professor und Student zu beobachten, wie der eine immer neu zugriff: jetzt, jetzt hab´ ich dich! – und der andere immer wieder ausriß und ihm eine lange Nase drehte.
Dem Magister versank aller Mut in den Hosen. Er schnappte nach neuen Gedanken und erstickte beinahe vor ohnmächtigem Ärger. Aber dann hörte er wieder die Magnifizenz husten und sah wieder den breiten Schatten einer Hand über sich, einer Hand, die immer mehr sich zur gewaltigen, drohenden, obrigkeitlichen Faust zusammenballte. Und so raffte ersich noch einmal auf und fragte mit todesverachtender Frechheit:
„Wie oft, Herr Zak Kenty, hat sich Irland gegen England emp… in offene Meuterei begeben?“
Jetzt sah sich der Gefragte verloren. Er war doch auch müde und wandte sich wie ein wunder Hirsch von diesem neuen Hetzhund weg in die dichten Reihen der vornehmen Zuhörer längst den Wänden, als suchte er da irgendwo zwischen einem guten alten Herrn und einem sanften, patriotischen Jüngferchen Durchschlupf.
„Sei doch still, Emmet, um Gottes willen sei still!“ flehte Tom leise, da er das wachsende Keuchen seines Freundes hörte.
Da, seht, – nein, diese Kentreyer sind einfach nicht totzuschlagen! – seht, wie die runden, tiefen Äuglein hinter der Brille Zac Kentys wieder auffunkeln. Wie listig! Er hat einen Ausweg erschnüffelt.
Feierlich begann der Student: „Schon in den alten Tagen der fünf Gaukönige waren die keltischen Stämmer in ewiger Erhebung gegeneinander. Sie liebten den Krieg und maßen ihre Speere gern aneinander. Besonders berühmt ist aus dem sechsten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung der Feldzug…“
„Her Kandidat, kommen Sie nun einmal ans volle Licht der Neuzeit! Ich frage: Wie oft haben die Iren – seit der völligen Unterwerfung durch jungfräuliche Majestät Elisabeth die Siegreiche, – haben die Iren gegen ihre rechtmäßigen Herren gemeutert?“
Ein kleine Pause! Der Student sammelt sich. Er gibt den Kampf auf. Horcht! – Durch den gewaltigen Saal schallt es plötzlich ganz trocken: „Gemeutert, so viel ich weiß, nie!“
Hundert leise Bravos aus den Bänken und von den Wänden. Und ein Dutzend laute Ei! ei! und Ho! ho! vorne vom Professorenkollegium.
„Ich habe nicht gut verstanden, Herr -?“
„Oh, Sie haben mich sehr gut verstanden! Aber ich kann es ja noch einmal sagen, Irland hat nie gegen England gemeutert. Aber es hat sich mehrfach empört, so etwa wie sich ein edles Pferd bäumt und ausschlägt, wenn man ihm die Sporen gar zu tief in die Weichen drückt oder wenn gar zu viele und grausame – Herren in seinen Satzel sitzen wollen.“
„Wir schreiben jetzt noch keine politischen Artikel, mein lieber Sohn“, bemerkte Dr. Calven, innerlich froh über diese Wendung und sich nun stark in der Oberhand fühlend, „deuten Sie mir lieber noch die staatsrechtliche Seite der Penal Laws!“
Kaum war dieses verdammte Wort entflogen, als auch ein dumpfes Geräusch von sechzig oder siebzig Schuhen oder Ellbogen aus dem Schülerraum antwortete. Es war zu hören wie das leise Grollen eines sicheren, aber noch fernen Gewitters. In diesem Titel, „Notpeinliche Gesetze, lag eine See von bravem Irländerlbut, ächzte ein Wald voll Kreuzen und Galgen und Schandpfählen, wuchtete eine Stadt von Kerkern, klirrte eine Flotte von Galeeren und Fußketten, schrie ein Orkan voll Flüchen und schwieg auch der Riesenfriedhof eines ganzen stummgemachten Volkes.
„Die staatsjuridische Seite der Penal Laws!“ forderte der Professor spitzig wie eine Nadel.
„Die Penal Laws haben keine staatsrechtliche Seite! Sie waren immer eine schwere Sünde gegen die Gerechtigkeit.“ –
„Können Sie den wirklich, z. B. aus Atrikel drei und vier der Penal Laws keine juridische Deduktion machen?“
„Nein!“ klang es trocken durch die totenstille luft.
„Auch nicht, wenn Sie das den Bachelor of Arts kostent?“ säbelt er giftig weiter.
„O nein!“ antwortete der Student unendlich gelangweilt.
Es wurde unruhig wie vor einem Urteil. Aber plötzlich durchbrach alles Geflüster und Geschiebe der Ruf: „Lebe hoch, Mann von Kentry!“ – Das hatte die schönste Stimme von Dublin gerufen. Alle kannten Sie. Sir Emmet! Jetzt schwoll die Flut der Dafür und Dagegen brausend an, Professoren zerrten an den Brillen, Bachelors gruppierten sich wehrhaft zusammen, der Pedell rannte umher, und dieser Saal jahrelanger pedantischer Ordnung drohte zu einer Radaubühne schlimmster Art zu werden. In diesem Moment schlüpfte ein Mann durch die wirre Gesellschaft bis zum Rektor vor, verneigte sich tief und reichte ihm unter beharrlichem Zureden einen Brief und einen Zeitungsfetzen.
Über das eben noch trostlose Antlitz der Magnifizenz zitterte ein wahrhaft erlösendes Lächeln. Seine Miene wurde auf einmal tapfer und entschieden. Er klingelte mit der Kathederglocke heftig und sagte, sowie es stiller ward: „Ich bitte ums Wort! – Ist Master Edward Fitzherber in der Versammlung?“
„Hier!“ rief der lange, schlangenweiche Bengel mit den zwei so arglosen Vergißmeinnichtaugen. Mit großen, leichten Schritten stellte er sich vor den Rektor.
„Kennen sie diese Zeitung und diesen Brief?“
„Ja!“ antwortete Edward gefaßt. Nach Kentrys schönem Heldentum gelüstete ihn, sich ebenso mutig zu erweisen. Er wollte Emmet den Rock zurückgeben. Der schmerzte ihn mehr als alles, was da sonst gegen ihn kommen mochte.
„Meine Wohledeln“, wandte sich nun der Rektor an die ganze Versammlung und hob die Hand mit den Papieren wie einer, der alles abtrumpfen will, „hier steht geschrieben und gedruckt, Irland solle es machen wie das verruchte Frankreich, also seinen König und seine Königin und die erlauchten Herscherkinder – sit venia verbo!“ – köpfen, Adel und Klerus stürzen und im Parlament die Danton und Robespierre herrschen lassen. – Da lest!“
Ein Getöse entstand, in dem der Schrecken und Abscheu vor so einer Zukunft alles überschrie. Man drängte zu den Toren hinaus, um im Freien besser seinen Gefüfhlen Luft zu machen.
„Sehen Sie“, rief der Rektor milder durch das Gelärm dem entlarvten Dolmetsch zu. „Gehen Sie und stellen Sie sich am Portal der Obrigkeit. Sie wartet dort. Und gebe Gott, dass Sie Ihren gestrigen Betrug verantworten und aus diesem Falle eine Lehre für Ihr ganzes Leben ziehen können!“
„Ich kann es!“ gab der Eichelbub reuelos zurück und ging langsam vor das Haus den Häschern entgegen. Denn die Polizei durfte den akademischen Boden nicht betreten. Alles Volk sah ihm zu, wie er so gelassen und fast zufrieden zwischen den Rotröcken zum Gefängnis zog. Er suchte mit seinen Äuglein Emmet, den die Freunde verbergen wollten. Aber Emmet riß sich gewaltsam los, sprang heftig in die Straße hinaus und sagte zum verhafteten Kameraden: „Lieber, Lieber, jetzt möchte ich am liebsten in deinen großen Hosen stecken. Wo ist denn mein Scherge? da bin ich!“
Da vergaß der lange Bengel alles Leid und jegliche Beschwerde und ging noch einmal so schlank und kopfhoch seien Ehrenweg ins Dunkel.
Die Regierung war mild. Zac Kenty ward aus Irland gewiesen, Fitzherber in die kapstädtische Garnison gesteckt und Emmet für acht Tage zum scharfen Karzer verurteilt.
Im Examensaal aber zog der Rektor sein Barett ab und stimmte des Lied „Gott schirme unsern König!“ an, wie das so Satzung ist. Es mochten noch etwa dreihundert Personen gegenwärtig sein. Aber die Hymne ging so dünn und mager durch den Saal, als sängen nur vier bleichsüchtige Mädchen und ein uraltes heiseres Weiblein daran. Und diese Greisin hieß wohl: Großmutter Tradition!

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