Patria – Kapitel 8 – [Online – lesen]

Patria

Patria – Kapitel 8

Um die Zeit begleiteten Eichelbuben und Seeburschen O´Connel im Boot zum Londoner Postschiff draußen im Hafen. Sie ruderten langsam, und jeesmal, wenn sie nahe an die Fregatte „Martha“ kamen, bat Daniel: „Es ist noch Zeit. Fahrt noch einmal gegen das Ufer, dass wir die schöne Mutter noch lange sehen und von ihr reden können!“
„Ich rate euch“, sagte er dringlich, „haltet euch an die erprobten treuen Alten. Tut nichts allein, bevor euch ein handlanger Bart wächst. Alle Verständigen im Land sind gegen einen Aufstand. Der edle Curran vorab! Dess es frommt nicht und ist unchristlich. Die Engländer lachen über unsere Gewehre. Sie haben doch hundertmal mehr. Aber sie fangen an, unsere Redner und Prediger und Dichter und Gelehrten zu fürchten. Habt ihr das an den Prüfungen nicht gesehen? Also da frisch ins Zeug! London besitzt ja auch große Redner, aber solche, die aus der Geldkatze reden, nicht solche, die aus dem Hunger reden. Sagt, wer redet stärker? – Und sie haben feine Prediger, aber solche, die aus dem Kopf, nicht solche, die aus dem Herzen reden. Wer packt mehr? – Und sie kennen auch glänzende Dichter, aber solche, die aus der Freiheit, nicht solche, die aus den Ketten singen. Wer reißt etwa feuriger hin? – Freunde, unsere Sache hat mehr Kraft, weil sie mehr Wahrheit hat. Studiert, schreibt, lehrt, redet, dichtet, wählt und läßt euch wählen, ordnet das Land, durchstreift jedes Dorf, sammelt alle, – und wir werden Meister und ohne Blut.“
Einige schüttelten die Köpfe zweiflerisch. Der ältere Corbet packte einen Korb mit Wein und Gläsern aus.
„Wißt ihr, was das Schlimmste ist? Unser Volk kennt die Gesetze nicht. Erklärt sie ihm! Ein Volk, das seine Verfassung fein kennt, ist beinahe allmächtig. Zeigt Irland, wo die Satzung gerecht ist und wo wir sie lieben dürfen. Und zeigt ihm, wo sie unrecht hat und wo wir sie flicken oder neu machen müssen. Vor allem aber zeigt ihm die Türen und Treppen, die dieses alte, verwachsene Gesetz für einen hellen Kopf offen läßt, um von da in einige Freiheit hinauszuspringen. Zeigt den Leuten doch die Handhaben des Gesetzes, womit wir unsere Peiniger festnehmen können. Im alten Rom hieß es: Schlagt die Juristen tot! Irland sagt: Mehr Juristen! Ich brauche sie in meiner Rechtlosigkeit so gut wie die Sonne und das Wasser!“
So sprach der zähe, ernste Dan, und seine Rede tönte laut und schwer wie eine volle Orgel über die Köpfe der Ruderer.
„Nicht so laut reden!“ warne Brown. „Es fahren überall Nachen herum.“
„O, hier wollen wir frei und laut reden. Hier ist ja das ewige, gütige Meer, von dem euer Tom so würdig gesungen. Hier wandelt die Freiheit herum, wenn sie vom Land verjagt ward. Wem gehört dieses Wasser? Kein Mensch weiß es. Od ja, Gott gehört es und allen Menschen ohne Unterschied!“ – Damit schöpfte er eine Handvoll des graublitzenden Wassers in seine roten, rauhen Hände und ließ es wieder selig ins große Becken zurückplätschern.
Durchsichtige, leichte Abendnebel hingen wie ein Seidentüchlein über der Bucht. Es fing an zu dunkeln. Noch einen Augenblick streifte der Tag seine schönen irdischen Siebensachen, dann sagte er satt: Genug, gebe wir unserer armen Schwester Nacht noch etwas, und schlief ein. Aber in diesem kleinen letzten Augenblick war noch alles deutlich zu schauen: die einfach Stadt, die schilfige Umgebung des Lissenhusens, die niedrigen, mit Weiden bewachsenen Borde gen Norden und die schrofferen gen Süden. Dahinter die immer noch trotz dem Frühwinter so grünen Hügel mit ihren so merkwürdig einsamen, geheimnisvollen Kuppen, wo man jede Minute glaubt, es müsse ein urweltlicher Schafhirt im Horizont auftauchen und hinunterschauen auf seine unzählbaren Wollentiere. Immer hundert und hundert in Truppen traben und grasen sie da unten durcheinander und dann kommt ein blauer Wiesenbach und wieder hundert schneeweiße oder mondgelbe Schafe, und wieder ein blauer Bach und so weiter. Und man hat das Bild des Himmels da unten, des Himmels, wenn er voll schöner, großer, weißer Wolken steht und nur dünne, blaue Ätherbächlein dazwischen rinnen läßt.
Eine Weile hingen alle im Schiff an diesem Bild, das dem Fremden zuerst so trostlos langweilig, aber dem Iren wie ein unsterbliches Märchen erscheint.
„O wie schön bist du doch, Heimat“, rief Daniel, „und wie stumm und wie geduldig! Gott, wie geduldig!“ – Beide Hände streckte er gegen das Ufer, als wollte er dieses so still am ewig bewegten Meer sitzende Land aus seiner Trägheit aufrütteln.
„Wenn man dich hört, Dan“, sagte der Vorruderer Lesby Cor, „trinkt man einen klaren, starken Wein. Ist es nicht so? – Und man sieht schärfer hernach. Wie anders ist es bei Emmet – gott segne ihn! – Aber wenn er spricht, ist er wie ein wilder, hitziger Most, der über alle Kelche braust, entzündet und trunken macht. Und doch ist wahrhaft Emmet ein so herrlicher Mensch, dass ich den Herrgott nie bitten möchte, ihn anders zu machen.“
In Dans mageres, knochiges, braunes südlandgesicht flog ein Schatten. „Preist ihn nur!“ sagte er langsam, „aber folget ihm nicht blind! Euro Helden gefallen mir nicht. Werft mich ins Meer, wenn es euch kränkt, aber ich muß es sagen: dieser Emmet ist mir zu sehr ein Raubvogel und dieser Tom zu sehr eine Drossel, als dass sie euch den Ölzweig in der Kralle bringen könnten. Der eine ist zu lieben, das ist wahr; der andere zu bewundern, das ist auch wahr. Aber euch führen, meine lieben irischen Schwalben, euch gute Nester bauen und die Gemütlichkeit hineinlogieren, dazu ist der Adler zu rauh, die Drossel zu zahm. Es muß ein Vogel kommen, heimatlich wie der Storch und kühn wie der Falke und fleißig wie der Zeisig und fromm wie die Lerche. Ach, es gibt keine solchen Vögel! „Aber“ – Dan lachte – „darum sind wir ja auch keine Vögel, sondern Menschen, und zur echten Stunde erweckt uns Gott schon den rechten Häuptling.“
Ah, wie schön und groß war er bei solchen Worten! Und nun erzählte er von der Rechtsbude, de er in London aufstelle, wie er daraus eine irische Burg mitten in London machen wolle, wie sie in London doch ja nicht an seinen Fenstern vorbeigehen dürfen, sondern hereinkommen und ihm alles sagen sollen, was daheim Böses geschehe, damit er es in alle Zeitungen schütten und klagen, das Gewissen Europas aufrütteln könne. Und er legte die Hände jedem Einzelnen auf die Knie und gelobte, eine Hilfskasse für Irland in London zu gründen, und beschwor sie, doch nie etwas Wichtiges zu unternehmen, ehe es die Irländer in England und vor allem die Senioren daheim wüßten, so dass man sich in der Not dann die Arme übers Irische Meer reichen und gemeinsam helfen könne.
Sie gelobten es alle mit brennendem Atem.
Da taute der Merkwürdige ganz auf und ward wie ein Kind so weich. Er schilderte seine Kindheit in Kerry, den heimatlichen Strom Shannon und die Kirchmessen in den alten Dörfern, die Holzschuhtänze der Bäuerinnen und den lauten Patrickstag und die bunte Prozession der Fastnacht und die Mispelfeste und die Mittfastenfeuer. Und als er endlich den greisen Hirtensang anhob:
„Schäfer und Melker, wißt ihr auch dies,
Wir sind die nächsten im Paradies!“ –
und sie alle mitsangen, er aber gewaltig alle sieben überjubelte: da waren die zwei Corbet und Brown und Lesby Cor und die andern überzeugt, dass dieser Mann der Falke und der Storch und der Zeisig und die Lerche, dass er der irische Schwalbenführer sei.
Es wurde Nacht. Die Lampen der „Martha“ zitterten näher durch den feuchten Dunst. Man legte an, umarmte den Trefflichen, der aus seinem vorher so unbeliebten, spröden Wesen nun in den letzten Stunden solch große Funken geschlagen hatte, dass alle davon warm geworden waren. Dann fuhren die Sieben mit einer großen, feierlichen Überlegung für die Zukunft zur Stadt zurück.

Patria – Kapitel 1
Patria – Kapitel 2
Patria – Kapitel 3
Patria – Kapitel 4
Patria – Kapitel 5
Patria – Kapitel 6
Patria – Kapitel 7
Patria – Kapitel 9
Patria – Kapitel 10
Patria – Kapitel 11