Patria – Kapitel 10 – [Online – lesen]

Patria

Patria – Kapitel 10

Drei Jahre sind seit jenem Karzer vorüber, drei schnelle, wilde und doch furchtbar schwere Zeiten. Und Robert Emmet schmachtet wieder im Verließ. Aber es ist nicht mehr das ehrenhafte der Universität, es ist der gemeine Kerker der zum Tode verurteilten Landesverräter im Dubliner Castle.
Er sitzt am Tisch und stützt den Kopf und fühlt die Vergangenheit wach werden. Er sieht sich dem großen Napoleon in Paris gegenüber. Gesicht gegen Gesicht hat er den eiskalten, mürrischen Korsen mit seinem jungen Feuer so erhitzt, dass der Eroberer endlich ruft: „Gut, im August 1803 wird meine Flotte in der Dublinerbay vor Anker liegen. Haltet euch bereit bis dahin!“
Ha, wie hat er sich bereit gehalten! Unter hundert Verkleidungen hat er London nach allen Iren durchstöbert und Hunderte gewonnen. Die Corbett, Brown, Lesby, alle folgten ihm. Nur Thomas Moore kam nicht. Der stand an einem englischen Geschäftspult und wollte Geld verdienen. Ei wohl, er wird es nicht lang im Bureaustaub aushalten. Und dann wird er unsere Siege besingen. Der weiche Kamerad ist nicht für die Tage des Kampfes geschaffen. Bleibe er nur einstweilen am Pult. Aber hernach singe er, die Zeit des Glückes ist seine Poetenzeit.
O`Connell freilich wies Roby zäh und hart ab. Er wollte nichts von Gewalt wissen. „Unsere Christus hat die Welt am Kreuz erlöst. Ihr wollt sie mit tauend Flinten erlösen!“ Damit schlug er alle Angriffe des heftigen Jünglings nieder. Zornig sprang Emmet von diesem Zauderer weg aufs Postschiff nach Dublin. Dort wandte er sein gewaltiges Vermögen ganz für den Ankauf einer Straße voll Häuser zunächst dem Castle auf. Das mußte heimlich, mit unendlicher List und in hundertfacher Vermummung geschehen. Da wurden nun in tiefen Kellern Kugeln gegossen, Waffen geschmiedet und schwere Säcke voll Pulver bereitet. Und an jenem glorreichen Augusttag, wo die französische Flotte in Sicht käme, wollte man von dieser Straße aus mit einem kühnen Handstreich das Regierungsschloß und damit die Gewalt über Dublin erobern.
Da, kurz vor dem abgemachten Losschlagen, hörte die Stadt einen dumpfen unterirdischen Donner, wie von einem Erdbeben. Das Pulvermagazin Emmets hatte eine unvorsichtige Flamme ereilt und war in die Luft geflogen. Nun begann ein Trauerspiel ohnegleichen über Dublin. Trümmer, Soldaten, Hausuntersuchungen, Gefangennahmen, Tag und Nacht Reiter durch die bangen, stotenstillen Straßen, das dumpfe Klopfen der eisernen Hämmer an die Türen, Kerker, und Todesurteile und Tag für Tag der Ausrufer, der einen Sack voll englischen Goldes für den Kopf des Rädelsführers Emmet verspricht. Der Jüngling hält sich im Hause seiner Wirtschafterin in der Vorstadt versteckt. Tausende wissen, wo: niemand verrät ihn. Aber eine ganze Legion Getreuer bietet ihm ihre Rosse, ihre Börsen, das eigene Leben an, damit der Liebling irlands nach dem Festland entfliehen kann. Er weigert sich hartnäckig. Ehe er seine Braut gesehen und von ihr Abschied genommen hat, will er nicht entfliehen.
Und bei diesem Warten erhascht die Polizei seine Spur, dringt mit Lanzen und Pistolenschüssen ins Haus und schleppt den Trefflichen ins Gefängnis. Und diese Kunde jagt seiner ehrwürdigen, greisen Mutter all das spärliche Blut auf einen Fleck des Herzens, sie erbleicht und sinkt tot zu Boden.
Robys Rede vor den Richtern ist stolz und großartig. Töte man ihn! Irland kann man doch nicht töten. Was ist ihm das Leben! Er hat sein Vermögen, seine Mutter, seine Braut für Irland geopfert; ist es nun schwer, auch noch ein paar Jährchen unter´s Beil zu legen? Töte man ihn nur! Aber eines heischt her: man schenke ihm wenigstens nach dem Tode Ruhe! Niemand rede über seine Leiche, niemand schreibe ihm eine Grabschrift! Das wird dereinst Irland tun, wenn es durch einen zweiten Emmet vollends frei gemacht worden ist.
Die Richter verhüllen sich in hölzerne Steifheit. Wenn sie auch wollten, sie dürfen keine Rührung zeigen. Noch in dieser Nacht, lautet ihr Spruch, soll der Gefährliche aufs Schafott.
Wer wird wohl dieser zweite Emmet sein? Nur das beschäftigt ihn jetzt noch. Seiner Braut und seinen Kameraden hat er Lebewohl sagen lassen. Aber von Irland kann er fast nicht Abschied nehmen. Irland, mein liebes, heiliges, ewiges Irland, wer ist dein zweiter Emmet? Er springt auf und geht das enge Zimmer sehnsüchtig wie ein Löwe im Käfig auf und nieder.
Nur noch zwei Stunden! Dann holt man ihn auf den Block. Was tun, was tun diese zwei letzten köstlichen Stunden? Dem anglikanischen Pastor hat er höflich die Türe gewiesen. Was ist nun noch zu tun? Da gibt es doch wohl noch etwas! Noch zweimal geht der Zeiger um, dann nimmt man ihm den Kopf. Also hurtig, was it noch zu tun?
Nicht mehr für diee Welt!
Und für die Überwelt?
Ach, fängt da schon die Todesangst an mir Schwindel zu machen? Den Jenseitsschwindel? Überwelt! Unsinn! Erde, Erde, dreimal Ere und immer nur Erde! Das ist alles.
Er setzt sich wieder an den Tisch und stützt den heißen, schönen, reichen Kopf. Vor sich sieht er eine alte Bibel. Gestern war sie noch nicht da. Wer hat sie gebracht? Das wird so übung sein, dass man Sterbenden dieses Buch vor die Nase legt! Das ist ja das Buch O´Connells, das Buch vom Dulden! – Das ist nichts für mich!
Er springt wieder auf und geht erregt hin und her. Aber das macht ihn müd. Und er will Kraft behalten, dass er sehr gerade, sehr stolz aufs Schafott steigt und dort oben noch glänzt wie eine ungeknickte, junge, immer noch streitbare Lanze.
Er sitzt also wieder neben das schwere, mit Silberschlössern eingehakte Buh. Nur noch zwei Stunden! Um Gottes willen, was tun? – Ich muß doch etwas tun!
Ist es am Ende dieses Buch da, das mir keine Ruhe läßt? Dieses merkwürdige Buch! Ist es nicht, als habe es Augen und winke mir? habe einen Mund und möchte ihn gern öffnen? Soll ich diesen Mund fürchten, ich, Emmet, er Unerschrockene? Fürchte ich doch nicht einml das Beil! Wohlan denn, Buch, tu deinen Mund auf, laß einmal hören, was du einem Menschen von nur noch zwei schmalen Stündchen Leben zu erzählen weißt!

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