Patria – Kapitel 5 – [Online – lesen]

Patria

Patria – Kapitel 5

Am nächsten Tage gingen die Prüfungen an der Dubliner Universität zu Ende. Emmet und seine Freunde erschienen wohl gebürstet und das rauhe Haar dunkel gesalbt, mit lustigen Augen und wachen Sinnen, als hätten sie die Erquickung einer langen Siebenschläfernacht hinter sich. Die einen konnten viel, die andern wenig – für sie alle war es ja nur eine Paradeprüfung über zwei Semester.! – Emmet freilich wußte alles und mehr, als er sollte. Kein Professor konnte ihm beikommen.
Unter den vielen Gästen saß auch eine schon ältliche Frau, die wegen ihrer Schwächlichkeit immer wieder sitzen mußte, und neben ihr stand ein unges, lustiges, helles Weib und tuschelte der vornehmen, aber schwerhörigen Lade mit Ehrerbietigkeit ins Ohr, was Emmet mit besonderem Schwung durch den hohen Examensaal rief. Jene war die reiche, noble Mutter Emmet, deren anderer Sohn wegen Unruhestiften verbannt worden war und die sich nun an diesem Robert hier für alle beide labte. Jene hieß Anastasia Moore und war die einfache, regsame, geliebte Mutter es kleinen Tom.
Ohne Ruhe neigte sich Lady Emmet vor und fragte: „Was hat er jetzt gesagt? Hat er´s getroffen? Bitte, Frau Moore!“
„Wunderbar, Lady, den Nagel auf den Kopf!“
Und beide Mütter lächelten.
Lady Emmet verstand zwar keine Silbe von dem, was ihr die andere ins Ohr wisperte. Aber sie verstand wie alle Harthörigen um so besser das Gesicht der Redenden zu lesen. Und Frau Anastasia Moore verstand ebensowenig von den Anworten dieser gelehrten jungen Häuser. Da gab es ja Sprachen und Wörter, die sie ihr Lebtag noch nie vernommen hatte. Aber so ein kluges Weiblein konnte doch nach jedem Bescheid Robys die gesättigten Mienen der hohen Professoren verstehen, dieses Nicken und Hellwerden und Stolztun. War das etwa nicht genug? Durfte man etwa nicht lächeln? So ung und schon so ein großer Gelehrter? Er wird Rektor in Oxford oder Cambridge, Dublin ist für diesen Geist zu klein. – Ja, er wird ein zweiter Newton, das zum mindesten. – Tom ist viel stiller. Zweimal schon hat er eine Antwort nicht gewußt. In der Gelehrtenbank glänzt er nicht. Aber dort am Rednerpult wird er glänzen. Das weiß Anastasia, und sie zieht sich vor freudigem Bangen ganz in sich zusammen.
„Und was hat er jetzt gesagt, liebe Frau Moore?“
„Ach, mehr als alle Professoren wissen“, versetzte Anastasia; „sehen Sie, sehen Sie!“
„O du lieber, schöner, guter Gott!“ – Der Rektor trat aus dem Kranz der Magister und legte dem Jüngling, der kein Auge dabei niederschlug, die College-Medaille am grünen Seidenbande um den Hals. Das war der große Preis dieses Jahres. Aber die Magnifizenz tat das schweigsam und ohne sichtliche innere Freude. Er hätte die Gabe wohl lieber einem der herausfordernden, stolzen Lordssöhne in der Herrenbank umgehängt.
Unter den Zuhörern stand auch der kleinbeinige Dr. Curran und hatte seinen Hausgeist Daniel O´Connell neben sich. Der warf dem Gekrönten glücksagend seine breite, rote Keltenhand entgegen. Emmet dankte erhaben.
Nun entstand ein Rauschen von gerümpften Seidenkleiern und geschoenen Fräcken. Man reckte die Hälse. Ein kleiner, rundlicher, hübscher Junge trat aufs Podium und deklamierte zuerst schüchtern, dann voller und zuletzt mit allmächtiger Sicherheit eine Hymne an das Meer Er hätte eine solche auf das Inselreich halten sollen. Aber wie könnte er da odenhaft prunken und prahlen mit seinem gedrückten irischen Herzen! Nimm lieber das Meer, das freie Meer! Wo es noch tausend Straßen für die Hoffnung und tausend Pfade der Flucht und Erlösung, ach, und tausend Freiheiten zu leben und zu ringen gibt. Das Meer, das schöne, graublaue, silberfunkelige Meer von Irland, diesen ungeheuren Tummelplatz aller lustigen und grimmigen Ntur, lachend über die Menschlein und ihre Schiffskolosse und sie alle in einem Anhauch von Humor oder von Ärger umblasend. Dieses Meer nimm du!
Und Tom tat so, und nun rauschte es wie ein großes Wasser und musizierte wie mit vielen ernsten und losen Winden in den überheizten Saal hinein und erfrischte alle roten, siedenheißen Köpfe vom Rektor Magnifikus bis zum würdevollen Pedell an der Türe.
„Hurra, hurra!“ scholl es am Ende und wogte wie das besungene Meer in stürmischen Lobeswellen über den kleinen Dichterhelden. Frau Anastasia weinte vor Freude. Beim Hinausgehen wollte es jeder so richten, dass er genau mit dem Deklamator an der Türe zusammentreffe, um ihn ganz nahe zu sehen und ihm vielleicht einen Faden aus der Schärpe oder ein Haar seiner Locken zum ewigen Andenken auszurufen. So gab es denn ein erbärmliches Gepresse am Portal und manche ungetröste Dulderin. Denn Tom schlüpfte mit seinen graziösen, kleinen Feststiefelchen zum Professorenpförtlein hinaus.
Emmet und O´Connell trafen sich auf dem Weg zum Bakkalaureatsaal. Sie wollen zusehen, wie dort noch ein Stündchen lang auf Tod und Leben geprüft wurde. Denn dieses Examen der Reifen, fertigen, die nur noch zwei große, wunderbare Buchstaben brauchten, um mit Glanz und Kraft ins Leben hinauszuschreiten, das unschätzbare B. A. – Bachelor of Arts – dauerte immer über alle anderen Paradeprüfungen hinaus bis weit über Mittag.
Unterwegs hüpfte auch Thomas vorbei. Kräftig schüttelte ihm Daniel die Hand.
„Sie werden ein großer Dichter, daran zweifle ich seit fünf Minuten nicht mehr“, sagte er ihm ruhig.
Doch Emmet zürnte dem Freund ins Gesicht hinein: „Gewiß war das schön! Aber wozu das Meer? Das Meer ist neutral! oder dann englisch! Ja, es ist noch viel englischer als der feste Boden. – Du hast wahrhaft dick gelogen von deinem freien Meer. Hättest du doch den Mut gehabt, unsere Erde zu besingen! das Vaterland und seine armen, aber tapferen Siedler mit ihren heimlichen Hoffnungen! Aber die Dichter sind alle feig seit Horaz, der den Schild wegwarf!“
„Moore hat durchaus recht getan“, widersprach Daniel fest. Hätte es wohl einen klugen oder treuen Sinn für die Heimat verraten, unsere Gegner zu ägern, wo es nichts nützt und nicht notwenig ist? unsere allmächtigen Gegner? – Hat denn Herr Moore nicht unter dem Bild des Meeres die Freiheit so keck besungen, wie er sie sonst nie hätte feiern dürfen? Jeder Ire im Saal hat den Dichter bis ins Herz verstanden.“
„Ja, nur immer alles verhüllen und im Bild reden und im Bild handeln! Wir werden dann auch nur im Bild frei!“ antwortete Emmet unlustig.
„Sie sind ungerecht, Emmet, und jetzt übertreiben Sie ungeheuer.“
„Mit Verlaub, und Sie, O´Connell, sind furchtsam wie die meisten. Aber die Furchtsamen haben noch nie ein Volk befreit.“
„Und Sie, mit Vergunst, sind tollkühn wie die wenigsten. Aber die Tollkühnen haben ein Volk nur immer in tieferes Leid gebracht.“
„Still, meine Freunde, da sind wir ja“, sagte Fitzherber. „Wir müssen heute bescheiden tun.“
„Noch ein Weiberrock!“ spottete Emmet.
Sie schlüpften leise zwischen die dichten Gruppen des Abiturientensaales zu einer Menschenlücke, um die Aussicht auf den Schlußkampf zu haben. Zac Kenty mußte daran sein, denn es ging gegen 1 Uhr, und die Kandidaten wurden alphabetisch geprüft. Man hielt ihn im letzten Fach, der Nationalgeschichte und Welthistorie, fest.
Da stand er ja, er liebe Eichelbub von Kentry, einem Dorf, das hundert Seelen und wenigstens zwanzig Kriegshelden zählte. Er selber sah nicht soldatisch aus, sondern war schmächtig und schmalbrüstig mit einem bleichen, kränklichen Zug im Gesicht. Seine Augen blickten erstaundlich tief unter der Brille hervor. Vergrübelt und zerwürfelt schien die gerade Stirn vom ewigen Denken. Man sah Kenty von weitem das geborene Talent für Feder und Tintenfaß an. Mit nichts anderem würde er regieren. Aber hier großartig.
Es herrschte eine gedrückte, seltsame Stille nach jeder Frage und Antwort im Saale. Alle wußten, das dieser Bachelor nach der Prüfung gleich eine irisch-nationale Zeitung gründen wollte; dass er schon oft bittere Zeilen gegen England geschrieben und wohl alle die klassischen Aufrufe der Eichelbuben verfaßt hatte, die man öfter in aller Herrgotsfrüh an den Laternen und Gassenecken Dublins hingekleistert fand und die so unverschämte Wahrheiten der Regierung ins Gesicht schleuderten, dass die Polizei Hals über Kopf nach jedem Plakat wie nach einer Höllenmaschine fahnden mußte. Aber man wußte auch, dass dem Trinity College ein hoher Wink von oben zugegangen war, diesen gefährlichen Menschen, den man umsonst mit den fettesten Sinekuren hatte kdern wollen, um jeden Preis zu Falle bringen, wie gestern den armen Middlesghor. Und die Magister taten redlich ihre Sache. Es war ein unsägliches Trauerspiel. Der Held zu stark, der Feind zu schwch, und doch mußte auf irgendeine schlaue, widrige Szenenführung hin im fünften Akte der Heros erschlagen am Boden liegen.
Zac Kenty hatte durch die ganze Prüfungswoche bis zu diesem Samstag seine Aufgaben auf eine unantastbare, scharfäugige Art gelöst. Daran ließ sich nichts markten. Und ebenso hatte er im mündlichen Gefecht durch alle Fächer sich glorreich gehalten. Den Kegelschnitt Pascals und die astronomischen Unterschiede zwischen Tycho de Brahe und Newton hatte er musterhaft entwickelt, so dass sogar manches ungeschulte Zuhörerweiblein einen solch schwierigen Kasus nun auch zu verstehen glaubte und wacker zunickte. Dann hatte er aus dem Stegreif mehrere beliebige Kapitel aus Thukydides übersetzt, den lateinischen Dialog mit Dr. Marfen voll Überlegung gefüht und die Thes über Bacons Auffassung der Tierseele bis ins Detail geklärt. Jetzt im Schlußfach, der Weltgeschichte, wanderte er nicht wie ein gewöhnlicher Musterreisender, sondern wie ein Großhändler mit gewaltigem Umsatz durchs Altertum und hatte bereits dem Professor, der ihm in heller Verzweiflung und mühsam nachfolgte, so lässig rückwärts zwei, drei seine Nastenstüber gegeben.
Im Augenblick, als Emmet ihn endlich erhaschte, schilderte der Kandidat mit seiner scharfen Stimme den jüngeren Kato und schloß, nachdem er den stoiker nach allen Himmelsgegenden gekehrt und betrchtet hatte, mit em trockenen Satz: „Er war übrigens der erste große Scheinheilige der Kulturgeschichte!“ – –
Eine gewaltige Aufregung entstand. Die Papierhistoriker stierten den Jüngling wie einen Verrückten an. Vor allem betreten war Professor Calven, der Examinator. Er schwärmte für Kato. Das wußten die Studenten besonders gut seit jenem Tage, wo der zahnkranke Magister in der Plutarch-Lektion Kato behandete und mitten drin einen Bader kommen und sich drei Stockzähne ausreisen ließ, ohne einen Klang von seinem gepeinigten, dürren Persönchen zu geben. Mit blutender Lippe, aber in der ganzen Großartigkeit eines Stoikers, sagte er dann: „Fahren Sie weiter bei Cato autem, vir tenax ac dolorum derisor…“

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