Patria – Kapitel 3

Patria

Patria – Kapitel 3

Es war zur Zeit der Examen am Trinity College!
War es schon immer eine schwere Hand, so wurde es nach dem verlorenen Heldenstück Fitzgeralds nun zur wuchtigen, eisernen Faust, womit England den irischen Stiefbruder niederhielt. Doch um so geheimer und tiefer gärte eine verzweifelte, aufrührerische Stimmung im Volke fort. Katholiken und Protestanten dachten hierin aus einer Seele. Aber die Bischöfe untersagten ihren Gläubigen die kleinste revolutionäre Gebärde. Das wollte nun mancher trotzige Ire nicht verstehen, dass man gegen eine geld- und blutaussaugende Obrigkeit keine Säbel schleifen dürfe. Aber jeder blödeste Bursche sah ein, daß die katholischen bei einem Aufstand doppelt so viel als die protestantischen Mitbürger aufs Spiel setzten: zu den bürgerlichen auch noch die ohnehin kargen kirchlichen Freiheiten.
Als nun das Gerücht durchs Land lief, die letzten Überreste des irischen Parlamentes würden aufgelöst und alle Ämter nach England hinübergeschleppt, da war es für manchen Pfarrer schwer, seinen Schäflein klarzumachen, dass der Heldenmut der Geduld größer sei als der Heldenmut der Pistole, und mancher alte, geliebte Father sah von der Kanzel herab da und dort ein Böcklein, das ein Böcklein blieb, und von dem er wußte, dass es am gleichen Abend in einer tödlichen Verbrüderung der Eichelherzen oder der Freiburschen der der Seebuben auftauchen und am grimmigsten blöken werde.
Es war zur Zeit der Prüfungen am Trinity College!
In der Pinte „Zur Bärentatze“, zuhinterst im Klempnergäßchen, erhob sich aus der dichtgefüllten Schenkstube ab und zu ganz unverdächtig ein junger Bursche, nahm seinen Filz und ging statt zur Gasse in den dunklen Hausflur hinaus. Ein Trepplein hoch stand ein Geschirrkasten, oben mit Fensterchen, unten mit einer Kommode versehen. Aber Schubladen und Schlüssellöcher und Gesimschen waren nur gemalt. In Wirklichkeit war es ein Türchen, das sich durch einen Knopfdruck öffnete und schloß. Hier krochen die Jungens hinein und klpften an der Rückwand. Das war nichts anderes als die Türe in die geheime Kammer der Eichelstudenten.
Hier saßen protestantische und katholische Studenten untereinander, aber alles Iren mit lichtem Haar und starken, wassergrauen Augen, auf Stühlchen, Kisten, Brettern und Schemlen und unterließen zwei Dinge, ohne die sie sonst nicht leben können: das Rumpeln mit den schweren Schuhen und das Rauchen. Und es war ein Gelispel vom Wind, das von einer Lippe zur anderen flog. Und doch redeten sie mächtige Dinge. Jeder erzählte, was er für Genossen gewonnen, wie viel Geld er für die Revolutionskasse eingenommen, welche Häuser er zuverlässig in Dublin zur Partei gezogen habe. Es war fürwahr ein fröhliches Windspiel und ein süßes, seliges Summen wie von den Bienen im Juni, wenn sie mit sonnenheißen, glänzenden Flügelhen zum Korbe schwirren, um den Blütenstaub in die Waben zu tragen, während die Königin fünkelnden Auges schaut, wie der Reichtum sich mehrt, und straft, wo eine faul daherkommt, und lächelt, wo eine im Unmaß focht und erbeutete. So prüfte Emmet seine Arbeiter, und es grenzte ans Wunderbare, wie alle ihn leise fürchteten, aber offen und laubten, so dass ein jeder für ihn durch Feuer und Wasser gegangen wäre.
Nach dem „Geschäft“ kam „die große Klage“. Da knisterte die kleine Kammer von Papierchen. Viele zogen ihrer drei und vier aus den Taschen. Darauf standen genau verzeichnet mit Namen und Datum und Einzelheiten, was an Freundschaft für die Unterdrücker oder an Feindschaft gegen die Unterdrückten seit der letzten Versammlung entdeckt worden war. Diese jungen und flüggen Studentlein waren überall umhergestreift, wo es Gewalt gab. Nichts war ihnen entgangen. Kein englischer Fluch, kein irländischer Schrei. Wie eine dunkle Wolke floß die schwere Litanei der Anklagen daher, und die eben noch so hellen Gesichter wurden alle schattig. Emmet mußte, das litten die Kameraden nicht anders, im einzigen Stuhl des Lokals sitzen, freilich einem uralten, herrlich geschnitzten Armstuhl. Aufrecht saß er darin, und seine straffen, vornehmen Hände klemmten sich immer heißer in die Löwenköpfe der Lehnen vorne, je größer und grimmiger das Verglagen gegen seinen Richtersitz wogte. Würdig wie ein König hielt er sich. Aber sein kleiner, dicker Vetter oder Diener oder Schemelknecht oder was er war, Harry Goes, ein Studentlein des ersten Kurses mit einem unendlichen Wisch von gelben Kraushaar, das saß am liebsten neben seinem älteren und so mächtigen Vetter auf dem Boden und staunte zu diesem Mund und Aug wie Eisen empor, gerade so wie etwa ein abergläubischer kriegslustiger Knappe der alten Zeit zum stolzen Mars am Himmel hoffende Blicke gerichtet hat. Und das vernarrte zwölfjährige Büblein dachte, so werde sein hoher Vetter sitzen dereinst zwischen England und Irland und richten. Und das Meer werde sich nicht regen und das Haus der Lords und der Gemeinen noch weniger, ja kein König und kein General werde sich mucksen, wenn Robert Emmet so ehern dasitze und die britischen Völker verhöre. Wie ein König der Könige oder ein Vater der Väter werde dieser schöne, strenge, junge Gebieter jedem sein Recht auf Erden schaffen. Und Harry, das unschuldige Kind, legte dann wohl seine mollige Bübleinhand unter die Sohlen seines Herrn in einer Art jener grenzenlosen Hingebung und demüten Unterwürfigkeit, wie sie einem zwölfjährigen gegenüber einem achtzehnjährigen Kameraden allein möglich ist und die wie ein Rausch vergeht oder an die große Menschheit übertrgen wird, sofern einer gesund dabei bleiben will. – Aber kaum merkte Emmet das Hündchen, so stieß er es unwillig von sich. Und der kleine, dicke Goes war dann unglücklich und grübelte tiefsinnig nach, wie er wohl am großartigsten für Emmet und seine große Sache sterben könnte, mit Glanz und Krach und Freundestränen.
„Warten wir nicht“, sagte der ältere Corbet, ein langer, dünner, trockener Mensch, „Tom hält doch nicht Wort.“
„Er wird kommen“, widersprach John Brown, der Bleichste und Nervöseste von allen.
„Nein“, halt nun auch der jüngere Corbet, „Tom ist zu feig oder zu faul!“
„Oder zu katholisch“, spottete Lersby.
„Still!“ gebot Emmet leise. „Und du, Eichelbursch MacWalter, berichte!“
„Die Brüder Mereth haben dem Dekan von St. Francis den Zehnten gebracht. – Ich habe alles gesehen. Es war eine Fuhre Hafer und zwei Fässer Nußöl und ein Säcklein Daunen.“
„Notiere!“ befahl Emmet über die Achsel weg nach der Ecke im Hintergrund, wo ein Fensterchen in einen Gartenhof hinaussah und der kurzsichtige Lersby am Boden neben einer Stalllaterne eifrig in ein gewaltiges Buch alle Verhandlungen protokollierte.
„Und du, Lowis Gernohting?“ ermunterte Emmet nun viel freundlicher einen rotbackigen, aber scheuen, linkischen Jungen.
Der sucht lange in allen sechs Säckchen seines Gewandes, zog zuletzt einen wahren Bandwurm von einem Papierstreifen aus dem Brustschlitz hervor und las mit Mühe: …In drei Stunden… eine alte Frau und … und ihr vermutlicher Schwiegersohn … und … drei vermutliche Schwieger … Schwiegerenkelchen … darunter ein vermutlicher … noch Säugling … und die vermutliche Haushälterin … Angestellte für die vermutlich verstorbene Mutter … und eine Katze … und drei Hühner … und sonst nichts als ein Wägelchen Hausrat … und … bei Null Grad … in drei Stunden … und Corrady, der Sheriff, macht´s!“
Emmet paßte scharf auf und flickte den zerrissenen Satz rasch für sich zusammen. Da ward also eine Pächterfamilie, die nicht zeitig zinste, ohne Frist an die Luft gesetzt. Emmets hellroter, dünner Mund wurde noch dünner und röter wie ein blutiger Schlitz im Gesicht, und sein leises: „Seid still“! klang wie ein Messerschnitt. Denn ringsum rieselte ein verdrücktes Lachen durch das Zimmer und ward schnell zu einem Gebrummel und Gekoller, da die rauhe Irländerkehle ums Leben nicht leise lachen kann. Nur das Hündchen zu Füßen Emmets kicherte wie ein loses Mägdlein.
„Was sollen diese Hühner und Katzen und ihre vermutlichen Großenkel und Großmütter bei Null Grad?“ fragte er mit seiner schelmischen und noch ungebrochenen Stimme.
„Vermutlich gefrieren!“ hänselte der jüngere Corbet.
Jetzt rumpelte das Gelächter schon voller durch die Kammer. Denn ein Witz ist für den Iren ja ein großes Labsal, dass man ihn sich auch zwischen gitter und Galgen nicht entgehen läßt.
Nur Emmet lachte nicht, und sowie der dicke Goes das sah, schnitt er sogleich eine ernsthafteste Grimasse und warf den Lachern kritische Blicke erster Schärfe zu. Emmet dagen ließ die Burschen auslachen und winkte gütig dem schamrot gewordenen Stotterer, zurückzutreten. Gedultig wartete er, bis das letzte Gekritzel hinten in der Protokollecke erstarb. Dann sagte er ohne die geringste Erregung in seiner fürstlichen Haltung:
„Füge bei, Freund Lersby, dass am Niklastag, wo die Irländer einander in der geheizten Stube süßes Gebäck und schöne Feiertagskleider schenken, schreibe, dass am Niklastag der Sheriff Corrady von Portstreet einen Greiß und einen Witwer und drei Kleine Kinder und ihr Kätzchen und ihre drei Hühner aus dem Haus geworfen hat, weil sie die Pacht nicht auf die Stunde zahlen konnten, und dass er nicht die gesetzte Achttagefrist einheilt, sondern die Armen von Mittag bis zum Vesperbrot in den Schnee hinaussetzte. Und schreibe noch das, dass England alle Irländer so us der Insel werden möchte, in ein paar Stunden – ins Meer onder in eine ferne, wüste Kolonie oder ins ewige Eis am Pol, um sich allein und wohllüstig in unserem alten, lieben, ruhmreichen Heimathaus einzunisten. Ich bitte euch, ist das zum Lachen?“
Und die beweglichen Leutchen schämten sich schon und seufzten und bissen sich auf die Zunge und schwitzten von zornigen Nachdenken über all das Böse in großen, hellen Tropfen von den breiten irischen Stirnen herunter.
„Und ich“, erzählte Fitzherber, „ich sitze in meiner Bude und studiere auf morgen die Gleichungen mit Kubikwurzellösung. Da, fast am Ende einer prächtigen Algebra, spring die Philistrin herein und bitte mich in die Stube. Ihr Mann steht gebunden am Fenster. Alle Laden sind offen. Briefe und Papiere liegen am Boden zerstreut. Polizei steht herum. Ein Brief und eine Zeitung aus Paris sind gefunden worden. Und nun soll ich bezeugen, dass mein Hausherr zur Freimännerpartei gehört, die Franzosen ins Land ruf, mit dem Direktorium korrespondiert. Versteht, ich soll den Brief so übersetzen. Niemnd knn französisch. Nun, ich beginne. Der Brief ist nicht gefährlich. Der Schwager, ein Metzger aus Paris, fragt um Schafhäute an.“
Schon wieder meldet sich leise das unverwüstliche Rollen des irländischen Humors.
„Nur zuhinterst ist eine Stelle, wo es unverblümt heißt: da hast du einen Fetzen unserer artigsten Zeitung, worin ich eben eine Leberwurst wickeln wollte. Aber da seh ich den Titel des Leiters: Darf man in der Not den Prassern und Geizhälsen der Menschlichkeit den Hals abschneiden? Antwort: Ja, denen, die von unserem Leben und Sterben allein den Genuß haben, den Räubern und Gewalthabern, daf man wie ein Leu an die Gurgel springen.“
„Und du hast deine Hausleute retten können?“ fragte Robert.
„Ich übersetzte: Da ist ein Artikel aus unserer Metzgerzeitung, der unsere braven Viehbauern vielleicht interessiert. Er lautet: „Darf und soll ein ordentlicher Metzger bei einer Fleischteuerung neben den fetten Masttieren auch das magere Luxusvieh wie Katzen und Hunde schlachten und verwursten?“
Jetzt gröhlte eine dumpfe, aber herzerschütternde Lustigkeit durch den Raum. Auch Emmet verzog die Lippen zu einem kleinen Gespötte.
„Und ich übertrug den Pariser Artikel flott aus dem Stegreif vom politischen in den landwirtschaftlichen Sinn und las: „Man müsse immimmer unterscheiden zwischen Schafen und Böcken, zwischen lang- und kurzwolligen, zwischen Angora- und ordinären Hauskatzen; aber bei großem Hunger solle man unbedenklich alle verwursten““…
Alles schüttelte sich vor Spaß. „Bravo!“ sagte der kleine Goes und klatschte in seine fetten Händchen.
„In einer einzigen prachtvollen Metzget“ beschloß der winzige Fitzherber.
„Es sind ja wirklich die gleichen Schöpfe, die sich von uns mästen und die sich an uns hornen. Das Messer über sie!“ entschied Emmet mit blutiger Lippe. „Hat es denn nicht geklopft?“
Stille.
„Nein, – fahren wir fort!“
Krack, krack, krack!
Doch, das war ein deutliches Pochen. Man öffnet die Türe. Durch die Kastenkommode kriecht Thomas Moore herein.
„Es kommt noch einer, ein Neuer“, kündet er unter hastigem Schnaufen.

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