Patria – Kapitel 11 – [Online – lesen]

Patria

Patria – Kapitel 11

Roby stellte das Buch auf den Rücken und ließ es aufs Geratewohl auseinanderfallen. Aber er kam nicht zum Lesen. Die Bibel hatte sich da geöffnet, wo ein dickes, schweres Kartonbild die Blätter auseinandersperrte. Und dieses Bild! Es zeigte Christum, wie er mit unsäglich weit gereckten, ja ausgerenkten Armen am Holz hing. Darunter stand mit Bleistift in den drolligen, krausen Buchstaben des lieben Harry Goes: „Wenn ich aber erhöht sein werde, will ich alles an mich reißen!“ – „Diese Worte gibt seinem Freund und König zum Gruß Harry Goes, der mit dem großen Vetter so gern unter dem gleichen Beil sterben möchte!“
„Der wunderlich kleine Schmeichler!“ dachte Emmet gerührt. „Wie hat er nun das wieder eingeschmuggelt! Es ist schade, dass ich das Buch nicht früher auftat. Wahrhaft, ich muß dem Bürschchen glauben, er stürbe gern für mich! Aber das ist eine Torheit. Er liebt mich so sehr, weil er noch zu klein ist, um ein Bräutchen zu haben. Er soll männlicher sein und Irland größer lieben.“
Emmet konnte den Kleinen nun einfach nicht aus seiner Erinnerung schaffen. Er sah ihn, wie vor drei Jahren, in einem solchen Gelaß neben sich hocken und von Christi Tod reden und die kurzen Arme ausspannen, um ihn zeigen, wie er am Karfreitag beim Passionsspiel den Heiland gegeben hat. Und er sah den Knaben seine lautern Augen gen Himmel richten, als wollte er sogleich aus dieser Marter ins reine Blau emporfahren.“
„Büblein, was plagst du mich so?“
Gestern hatte Emmet sich auf den Tisch gezeichnet, langausgestreckt über den Boden, den Kopf vom Rumpfe los, treu nach der Ähnlichkeit des Lebens und nch treuer nach der steilen Ähnlichkeit des Todes. Nun sah er sich in dieser Federzeichnung an, so einen zerstückelten Menschen – nein – das war überhaupt kein Mensch mehr.
Da sagte sich Robert Emmet, so denn alles, was diese straffen Hände angepackt hätten, keinen Sinn mehr habe; und was diese Füße ersprungen hätten, keinen Zweck mehr habe; und vor allem, was dieser eifrige, kühne Kopf erschuf, ob das zu nichts mehr diene, als wie ein verscherbtes Glas ins Gerümpel geworfen zu werden? Und doch war einst in diesem Becher ein so köstlicher Wein! Wo ist dieser Wein, ach, wo ist er hingekommen?
Ach, wieviel feuriger Wein ist in Irland seit Jahrhunderten und Jahrtausenden ausgeschenkt worden! Von den Aposteln Roms, die barfuß mit Stab und Muschelhut auf diese grüne Barbareninsel kamen und Licht brachten! Und von den Abteien, deren Glöcklein so silberig über die Urwälder klingelte und Gottesfrieden verhieß und hohe Kultur in die Gaue trug, eine Kultur mit feinem Herzen und beiden, zum Segnen ausgebreiteten Händen! Und von den getauften Häuptlingen und Stammherren und von allen Volkshelden und von den hundert und hundert tapfern, edlen Gemeinden und Kirchspielen selbst! Wieviel Geist haben sie ausgeschenkt vom großen Missionär Patrick und vom tapferen König Brian Boroimhe weg zu den schlauen Führern Shane O`Neill unter Elisabeth, zu den edeln Flood und Gratten und dem wunderbaren Lord Fitzgerald! Und sind sie nun alle wie verscherbte Gläser auf den großen Kehricht des Jahrtausends hinausgeworfen, verfault und vergessen? Oder sind sie noch, leben sie noch, freuen sie sich noch ihrer großen Erdenspur und genießen einen ewigen Lohn? Ach, wenn mans glauben könnte?
Der Mann hier am Kreuz, der scheint wenigstens nicht gestorben zu sein! Er lebt in unzähligen Gemeinden und in unzähligen Herzen. Er macht O´Connell so kühn und – so geduldig!
„Wenn ich aber erhöht sein werde, will ich alles an mich reißen!“ Emmet las die Worte wieder und wieder, und zuletzt schien es ihm, sie ständen nicht hier allein geschrieben, sondern sie würden irgendwo von fernher ihm zugesungen, leis, herrlich, feierlich, wie einst jener Choral vor dem Karzer.
Er verhüllte sein wirres Haupt. In seinem ganzen scharfen und klaren Leben war er nie so verwirrten Geistes gewesen. Gibt es, ach, gibt es, zögerte er, am Ende doch noch mehr als Mutter und Braut, gibt es gar noch mehr als Vaterland und Freiheit? Gibt es am Ende gar einen seligen, ewigfreien Seelentriumph – Himmel nennen ihn die Gläubigen -, nun ja, git es einen Himmel, wo dieser Christus wohnt und wohin er alles zu sich emporreißt, wenn er einmal erhöht ist, wie er da so gewaltig groß verspricht?
Härter preßte der Jüngling mit seinen fieberigen Händen die Schläfen zusammen. Studiere, studiere! rief er sich zu. In einer halben Stunde schon gehört er nicht mehr zu dir, rollt er weit von dir; studiere, benütze das Stündlein.
Und siehe da, der stolze, harte, hochmütige Kopf fing an weicher zu werden, es ging etwas wie milder, uralter Choral durch sein Gewölbe, und er sah dazu immer wieder die ausgespannten Knabenarme des Harry Goes und gleich darauf das hehre Urbild davon, den Großen aus Nazareth selber. Der hatte erlöst, das ist wahr, nicht mit Flinten und Degen, nein, mit diesen ausgespannten Armen und mit diesem: „Ich werde alles an mich reißen!“ Wie der hohe Mann das wußte, sicher wußte! Nur ein Gott kann so reden. Nur ein Gott kann voraus wissen und hoch und teuer voraus versprechen: dass er die Jahrtausende an sein Herz reißen werde! Jesus, du Jesus vom Kreuze, sag mir, was ich glauben soll! – – Der junge irische Cäsar fing an zu weinen!
Da, schon wieder! Nein, das ist wirklicher Gesang. O, das ist wirklicher Choral! Still, still!
Von ferne, ferne durch die tiefen, dicken Mauern drang es:

„Oh Herr, von deinen Himmeln hoch,
Gebrochen ist das alte Joch
Und Ostern allerorten!
Wir han die graue Welt verscharrt
Die uns mit Blei und Gold genarrt,
Sind frei wie Engel worden!“

„Sind frei wie Engel worden!“ lispelte Emmet mit feuchten Augen nach.

* * *

Dann ward es sehr still und feierlich im Gefängnis, bis die Wache mit klirrendem Schritt hereintrat und den edlen Jüngin im Dunkel einer mondlosen, wolkigen Nacht bei wenigen dürftigen Fackeln zum Block hinausführte. Ernst schritt Emmet das Stieglein hinauf, ohne Stolz und ohne Niedrigkeit, als wäre es sein gewöhnlicher, schlichter Weg. Es leuchtete etwas von seiner Stirne, nicht wie des Brutus oder Kassius Lebensverachtung, und auch nicht wie die Glut des Genies, das Emmet so oft geoffenbart hatte, sondern wie etwas noch Größeres, noch Reineres, etwas wie Gnade!
Man band ihm die schönen Hände fest hinter dem Rücken zusammen.
Dann mußte er niederknien, und der Scharfrichter trat mit der Mütze auf ihn, ob er sie selber über das Gesicht hinunterziehen wolle? Ohne irgendein Beben nahm sie Roby, fröhlich, wie man einen Handschuh anzieht, und wollte sie über den geschorenen Kopf stülpen. Da hielt er plötzlich inne und warf noch einen raschen, freundlichen Blick über die nächtlich dunkeln, unentwirrbaren Köpfe der Soldaten und vieler Zuschauer, als suchte er irgendein liebes gesicht zum letzten Scheidetrost. Und sieh da, ganz nahe stand neben einem Fackelträger der kleine Goes, bleich wie der Tod, und suchte den angebeteten Freund mit fast verdurstenden Augen. Sowie Emmets Auge ihn traf, spannte der Kleine die Arme aus ohne Acht oder Scham wegen irgenwem. Sogleich stieß man ihn an: „Ist der Kerl verrückt? Weg mit ihm!“ Grobe Soldaten stießen ihn mit den Schäften ihrer Piken aus dem Gewühl. Aber Goes war zufrieden. Er hatte Emmet leis nicken und lächeln gesehen. Der Freund hatte ihn verstanden.
Der Kleine hörte das Beil nicht niedersausen und den henker nicht den Enthaupteten verlästern. Nein, er hatte das selige Lächeln gesehn, das war genug. Das trug er, so schnell er mit seinen bebenden Knien vorwärtskam, zu Sara Curran. „Ich bringe dir“, sagte er mit Augen voll Fieber und erschauernden Lippen, aber dennoch sehr glücklich, „ich bringe dir das letzte Lächeln unseres großen toten Irländers Robert Emmet.“
Es war auch das letzte Lächeln dieser zwei treuen Seelen. Den anhänglichen Harry Goes packt fast sogleich ein schwerer Herzkrampf an, dann fuhr es ihm ins Gehirn, und nach drei heftigen Fiebertagen, wo er immer die Arme ausgespannt hielt wie ein auffliegender Engel, verschied er mit dem Rufe: Patria! Miss Sara Curran aber, von ganz Irland als eine Heldin und Witwe verehrt, zehrte langsam wie eine Lilie ab, der die warme, helle Sonne fehlt. Weder schne Freier, noch der Zuspruch der Eltern, noch eine Reise nach dem immerblauen Golf von Neapel heilten ihre Sehnsucht nach dem verlorenen Bräutigam, und ehe ein Jahr um war, folgte sie ihm mit dem letzten Geflüster auf den Lippen nach: Patria!
Mögen sie alle drei miteinander dieses Patria ob den Sternen gefunden haben!
Über das grüne Erin geht jetzt eine schwere Zeit. Aber Emmets Lächeln stirbt nicht. Man hat es leis und innig inder Flöte des großen irischen Sängers Thomas Moore und noch viel lauter in den mächtigen und herzerschütternden Reden O`Connells wiedererkannt. Es wehet fort und fort und wird nicht erlöschen, bis Irland eines Tages nicht mehr bloß lächelt wie ein Volk, das die Freiheit erhofft, sondern großartig lacht wie ein Volk, das die Freiheit besitzt.

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